Filmtipp: Ein Callboy mischt jüdisch-orthodoxes Milieu auf

Um seinem Freund zu helfen, verdingt sich ein Mann als Gigolo - und findet an seiner neuen Profession durchaus Gefallen. Wäre da nicht eine Frau, in die er sich verliebt. Den Kumpel des Callboys spielt kein Geringerer als Film-Altmeister Woody Allen.

Ein Callboy der besonderen Art ist der eher stille New Yorker Fioravante (John Turturro). Eigentlich arbeitet er in einem Blumenladen, und den Callboy-Job hat er sich von seinem Kumpel Murray (Woody Allen) aufschwatzen lassen. Die Ausgangslage im Kinofilm «Fading Gigolo» ist so frivol wie unterhaltsam, aber das Callboy-Motiv ist eigentlich nur ein publikumswirksamer Aufhänger für eine andere Erzählung.

Eine feine, kleine Liebesgeschichte

Denn auf der Suche nach Kundschaft für seinen Gigolo hat Murray auch auf die jüdische Witwe Avigal gesetzt (Vanessa Paradis), die einsam und abgeschirmt im orthodoxen Milieu in Brooklyn ihre Tage verbringt. Diese melancholisch lächelnde, unerlöste Witwe lässt sich tatsächlich zu einem Date mit Fioravante überreden – diskret verfolgt vom eifrigen jüdischen Privatpolizisten Dovi (Liev Schreiber), der Unkoscheres wittert. Fioravante massiert sie zwar «nur» am Rücken, aber bereits das lässt sie in Tränen ausbrechen. Der Gigolo ist selber berührt, und es entspinnt sich eine feine, kleine Liebesgeschichte, in deren Verlauf sie ihre Perücke für ihn abnimmt und ihn sogar küsst.

Entschluss gegen Romantik

Dovi ist aber selber in die Witwe verliebt. Er lässt Murray entführen und vor ein orthodoxes Gericht stellen, dessen Recht offensichtlich wichtiger als US-Recht ist. Drei alte Rabbiner befragen ihn unerbittlich, sogar Steinigung steht als Strafe im Raum. Murray verteidigt sich Woody-Allen-haft, nämlich in einem ausufernden selbstanklägerischen Redeschwall. Avigal tritt schliesslich selber auf, und zwar so überzeugend, dass die Rabbiner verstummen. Die Liebesgeschichte endet aber anders, als man meinen könnte. Avigal bleibt nicht mit Fioravante zusammen, entschliesst sich gegen die romantische Liebe und wird in guter Tradition Dovi heiraten. Die Männer haben dabei nichts zu sagen, Avigal lässt keine Sekunde daran zweifeln, wer in dieser Sache die Chefin ist – orthodoxe Tradition hin oder her.

Fragen über Fragen

«Fading Gigolo» ist nicht nur eine charmant und witzig erzählte Komödie, Regisseur und Hauptdarsteller John Turturro bietet auch amüsante Einblicke in das jüdisch-orthodoxe Milieu, spielt mit den Klischees über diese für Aussenstehende so hermetisch wirkende Welt. Zugleich kommt man ins Sinnieren: Warum lässt sich Avigal nicht auf den amour fou mit Fioravante ein, warum setzt sie auf einen Mann, den sie offensichtlich nicht liebt? 2014 scheint nicht mehr die Zeit zu sein, Filme über grosse Aus- und Aufbrüche zu drehen. Das war vor einem halben Jahrhundert noch ganz anders. Was ist seither geschehen?

 

«Fading Gigolo» läuft in den Kinos.
Spielorte in der Schweiz