Die Religionen in der Schweiz haben es offensichtlich mit dem Zugfahren. Nicht nur bei der Segnung des Gotthard-Basistunnels, sondern auch beim zehnten Geburtstag des Rats der Religionen. Von St. Gallen nach Genf fuhr der Jubiläumszug, an Bord waren Repräsentanten des Rats, aber auch Prominente wie Miss Schweiz Lauriane Sallin oder Kulturschaffende wie Autor Lukas Hartmann. Organisiert hatte den Anlass die Berner Agentur Furrerhugi.
Der Zug mit den beiden modernen Salonwagen hielt um 14 Uhr im Zürcher Tiefbahnhof, und bald rauschte er auf einem Viadukt über das Zürcher Gleisfeld. Im vorderen Wagen verwandelte zuerst der Oud-Spieler Nehad El-Sayed den Zug in einen musikalischen Souk. Anschliessend befragte Pascal Krauthammer (er ist Berater bei Furrerhugi und Ex-Radio-Journalist) El-Sayed zu seiner religiösen Haltung. Der Musiker meinte lächelnd: «Religion ist, was wir machen, nicht was wir sagen. Religion sollte ein Weg zu Liebe und Respekt sein.»
Juden und Jesuiten
Der Zug pfeilte durch den Heitersbergtunnel, während Krauthammer den Jesuiten-Provinzial Christian Rutishauser zu den Parallelen von Jesuiten und Juden befragte. «Etliche <conversos>, also konvertierte Juden, standen am Anfang des Ordens im 16. Jahrhundert», so Rutishauser. Zudem seien Jesuiten wie Juden immer wieder eine verfolgte Minderheit gewesen. «Wir sind ein <tragic couple>, ein tragisches Paar, wie es an einem Kongress in Boston kürzlich hiess», sagte Rutishauser.
Von Lenzburg bis Aarau erzählte der Filmemacher Rolf Lyssy von seiner religiösen Prägung. Auf die Jesuiten bezogen meinte er: «In einen Orden eintreten – das hätte mir gerade noch gefehlt. Der Zölibat bringt mich nahe an den Wahnsinn.» Leben bestehe doch nicht nur aus Geist, sondern auch aus Fleisch und Blut.
«Ich erfinde den Übervater»
Bei seinem Film «Die Schweizermacher» sei die Migrationsthematik zum ersten Mal im Schweizer Kino dargestellt worden. Lyssys Anderssein, seine jüdische Herkunft, sei darin eingewoben. Heute bezeichnet er sich als «Atheisten jüdischer Herkunft». Und er komme so ganz gut durchs Leben. Religion sei für ihn eine geniale Erfindung von Moses: «Er dachte sich: Ich gehe auf einen Berg und erfinde den Übervater. Dann gehorchen sie mir vielleicht. So hat es sich abgespielt.» Lyssy erhielt für diese originelle Darstellung etliche Lacher aus dem Salonwagen.
Der Zug rollte nun gemächlich durch Aarau, und Krauthammer wandte sich dem Fitness-Pionier Werner Kieser zu. Dessen religiöse Seite war schnell erklärt: Es gibt sie nicht. Kieser, der Philosophie studiert hat, ist zwar in einem religiösen Haus aufgewachsen, aber nicht getauft. Er findet nicht nur Religion eine Phantasie, sondern auch Bewusstsein, Seele oder Geist, und ist sogar der Ansicht, die Psychiatrie sei die Bankrotterklärung der Medizin.






