Ein Computer-Game thematisiert die Flüchtlingskatastrophe

Simulation einer Tragödie: Das ernsthafte Internet-Game «Passengers» beschäftigt sich mit der Einwanderung über das Mittelmeer nach Europa. Das konfrontiert mit unseren Werten, lässt aber wichtige Fragen offen.

(Bild: zvg)

Täglich versuchen Afrikaner die Gewalt, Armut und Perspektivenlosigkeit in ihren Heimatländern hinter sich zu lassen und über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Seit 1990 sind dabei mehrere zehntausend Menschen gestorben. Die Gamedesigner François Alliot und Arnaud de Bock haben dieses Thema im Rahmen des Computerspiel-Wettbewerbs «Ludum Dare» aufgegriffen.

Das Ergebnis ist ein «Serious-Game», ein ernsthaftes Spiel, das die Spieler in die Rolle eines Schlepperbosses versetzt. Im Stil eines simplen Management-Spiels plant man von einer gegebenen nordafrikanischen Stadt aus die Route nach Europa, wählt das Boot, verhandelt mit Flüchtlingen und muss dabei mit begrenzten finanziellen Mitteln haushalten, bevor die mehr oder weniger gefährliche Überfahrt simuliert wird.

Machterfahrung

Das Thema des Ludum Dare-Wettbewerbs war «Du bist das Monster», was hier auf die Figur des Schleppers zutrifft. Im Spiel erfahren die Spieler die Macht, durch die Aufnahme oder Zurückweisung von Menschen für die Überfahrt über Einzelschicksale zu entscheiden. Grundlage dieser Entscheidung sind die zufallsgenerierten biografischen Häppchen sowie der angebotene Geldbetrag der Migranten. Bevorzugt man nun diejenigen mit dem meisten Geld, mit heller Hautfarbe, mit «ehrbaren» Berufen? Werden nur Gottesfürchtige aufgenommen? Versucht man, Migranten mit Kindern vor der gefährlichen Überfahrt fernzuhalten?

Oder packt man gar eine Bande Drogendealer auf einen alten Kahn und spekuliert auf dessen Havarie? Egal, ob man sich sozialen Idealen oder schlicht der kalten Optimierungsmaschinerie verschreibt – immer widerspiegelt das Spiel die eigenen Werte. Und da es stets um Menschenleben geht, wird jede Entscheidung zu einer moralischen Frage.

In zwei Tagen geschaffen

«Passengers» wurde innerhalb von zwei Tagen geschaffen und hat nicht den Anspruch, eine komplexe Simulation oder gar eine Dokumentation realer Ereignisse zu sein. Es will das Bewusstsein für die Problematik fördern und Fragen provozieren. Dies gelingt ihm zweifelsohne. Dennoch hätte man sich etwas mehr Aufklärung und Tiefgang gewünscht: Insbesondere bleiben die Gründe für die Migration und die Rolle Europas unerwähnt – das «Monster» bloss in den Schleppern zu sehen, ist zu simpel. Dennoch ist «Passengers» ein wichtiger Ansatz zur Auseinandersetzung mit den Kehrseiten der Globalisierung.

 


 

Angaben zum Spiel

Passengers (François Alliot/Arnaud de Bock 2015). Sprache: Englisch, Plattform: Internet. Frei spielbar unter: http://ludumdare.com/compo/ludum-dare-33/?action=preview&uid=31242 Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 10 Jahren

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion. Forschungswebseite: http://www.god-mode.ch/