Ehebruch, Tanz, Sonntagsarbeit: Worüber Kirchengerichte urteilten

Themen wie uneheliche Kinder, Gefährdung der sexuellen Moral, Fernbleiben vom Gottesdienst oder Sonntagsarbeit beschäftigten frühere Kirchengerichte. Eine Schweizer Forscherin hat nun 9000 Gerichtsfälle aus 300 Jahren untersucht.

Blick auf Travers: Kirche, Schulhaus, Schloss und Temple
Blick auf Travers: Kirche, Schulhaus, Schloss und Temple.

In protestantischen Ländern gab es früher spezielle Gerichte namens Konsistorien, die über die guten Sitten wachen sollten. Den Rohstoff für ihre Doktorarbeit fand Michèle Robert von der Universität Neuenburg in den Archiven der Herrschaft Valangin (NE) und den – eher lückenhaften – von Môtiers, Travers und Gorgier.

In diesen Gerichtsurkunden ging es um alltägliche, lässliche Sünden wie Tanz, Alkoholmissbrauch und Beleidigungen und natürlich die sexuelle Moral. Sie zeigen aber auch den schwelenden Konflikt zwischen Pastorenklasse und Regierung um die Zuständigkeit bei der Gerichtsbarkeit und der Bestrafung der Täter und Täterinnen.

Zu Beginn konnte man in den Konsistorien eine neue Art der Inquisition sehen. Ab dem 18. Jahrhundert, als ihre Bedeutung dahingeschmolzen war, betrachteten die Eliten sie aber eher als Gerichte der Armen und Randständigen, wie die Universität Neuenburg in einer Mitteilung schreibt.

Hexenjagd

Obwohl auch die Konsistorien dem dunklen Kapitel der Hexenverfolgung nicht entgingen, kommen diese Fälle in den Archiven nur in begrenzter Zahl vor. In einer Zeit, als es weder Sozialversicherungen noch den Schutz der Privatsphäre gab, drehte es sich bei vielen Fälle eher darum, sich randständigen Personen anzunehmen.

So zeigt die grosse Zahl von Prozessen, in denen es um uneheliche Geburten ging, dass mit Hilfe des Konsistoriums versucht wurde, Druck auf die Väter auszuüben, ihren Unterhaltspflichten für die Kinder nachzukommen. Diese Prozesse nahmen parallel zum Aufschwung der Industrie zu, als sich viele Männer aus anderen Regionen in der Region ansiedelten.

Zauberkraft und Tanz

In Roberts Doktorarbeit «Reform und Kontrolle der Sitten: Die konsistoriale Justiz im Land Neuenburg (1547-1848)» findet sich im Jahr 1552 ein gewisser Michel Vallangin. Er wurde dazu verurteilt, seinen Lebensunterhalt anders zu verdienen, als mit Zauberkraft Vieh zu heilen, häufiger zum Gottesdienst zu erscheinen und das Vaterunser zu lernen – «sonst würde er hart bestraft».

1553 wurden die Leute von Le Locle und Les Brenets dafür verurteilt, zum «Tanz und zur Messe in Morteau (F)» gegangen zu sein. Die Strafe war mit 60 Sous gesalzener für jene, die sich weigerten, ihren Fehler zuzugeben.

«Die Gottesdiener lügen»

1568 wurde ein gewisser Pierre Racine zu einer Gefängnisstrafe unbestimmter Dauer verurteilt. Er hatte gesagt, dass die Gottesdiener nicht die Wahrheit erzählten und dass man recht verrückt sein müsse, um ihnen zu glauben.

Weiter wurde ein Ehebrecher zu sechs Tagen im Gefängnis sowie einer Busse verurteilt. Zudem musste er im Gotteshaus öffentlich Abbitte leisten. Ab 1750 wurden die Gefängnisstrafen für unsittliches Verhalten immer seltener, denn die Verurteilten erhielten problemlos die Begnadigung von der Kantonsregierung.

Die konsistorialen Archive in Neuenburg reichen von der Anfangszeit der Reformation in 1547 bis zur Revolution von 1848. Dies ist eine beachtliche Zeitspanne, wurden doch die Konsistorien in Europa meist viel früher aufgegeben. In den reformierten Kantonen geschah dies etwa 1798 mit der Gründung der Helvetischen Republik. (sda)