Als erste Frau der Welt wurde Uta Ranke-Heinemann 1970 Professorin für katholische Theologie. Als sie jedoch 1987 das Dogma der Jungfrauengeburt öffentlich anzweifelte, wurde ihr die Lehrerlaubnis entzogen. Doch auch das brachte sie nicht zum Verstummen, im Gegenteil: In immer schärferen Worten formulierte sie ihre Kritik an der katholischen Kirche. Nein, brav war Uta Ranke-Heinemann, deren Vater ihr bereits als Kind «Rebellenblut» attestierte, nie. Nächsten Montag feiert die widerspenstige Theologin ihren 90. Geburtstag.
«Aus Liebe, Dummheit und Unwissenheit»
Geboren wurde Uta Heinemann 1927 in Essen, wo sie bis heute lebt. Ihr brillanter Geist zeigte sich bereits, als sie ihr Abitur ablegte – mit Auszeichnung und als einziges Mädchen neben 800 Jungen.
Als Tochter des späteren Bundespräsidenten Gustav Heineman wuchs sie in einem frommen, evangelisch geprägten Haushalt auf und studierte zunächst evangelische Theologie. 1953 trat sie jedoch zum katholischen Glauben über, aus Liebe zu ihrem katholischen Religionslehrer Edmund Ranke – und aus Dummheit und Unwissenheit, wie sie später sagte. «Weil mein Verlobter, der eigentlich Mönch werden wollte, so tolerant war und ich deswegen glaubte, alle Katholiken sind toleranter als die Protestanten, wurde ich also katholisch und geriet dann leider von der Bratpfanne ins Feuer, wie die Engländer das nennen», schrieb sie 2013 in einem Gastbeitrag für Die Zeit. Das Paar heiratete 1954. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor.
Von der Bilderbuch-Katholikin zur Kirchenkritikerin
Nach ihrer Konversion legte Ranke-Heinemann zunächst eine Karriere als Vorzeige-Katholikin hin: Sie studierte im Eiltempo in München gemeinsam mit dem späteren Papst Joseph Ratzinger katholische Theologie, promovierte 1954 und habilitierte sich 1969. Kurz darauf lehrte sie an der Pädagogischen Hochschule in Neuss, ab 1980 an der Uni Duisburg und ab 1985 schliesslich in Essen.
In der Folge entwickelte sich Ranke-Heinemann jedoch zur scharfen Kritikerin von Papst und katholischer Kirche. 1987 verlor sie ihren Lehrstuhl für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte, weil sie in einer Fernsehsendung aus dem Marienwallfahrtsort Kevelaer kurz vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II. offen sagte, dass sie nicht an die Jungfrauengeburt glaube. Auch unter Druck rückte sie davon nicht ab.
Ein Bestseller über die Sexualmoral
Zum Paukenschlag geriet ein Jahr später ihr Hauptwerk «Eunuchen für das Himmelreich», in dem sie der katholischen Kirche eine «2000-jährige Geschichte der Sexualitätsfeindlichkeit» vorwirft. Das scharfzüngig und provokant geschriebene Buch, das schnell zum Bestseller wurde, sei mutig und angesichts der Jahrzehnte später aufgedeckten Missbrauchsskandale in katholischen Einrichtungen auch sehr hellsichtig gewesen, sagt die Münsteraner Theologieprofessorin Marie-Theres Wacker rückblickend.
Ranke-Heinemann wollte sich nach Wackers Worten nicht mit theologischer Forschung begnügen, sondern in die Kirchenpolitik einmischen: «Sie ist eine Barrikadenkämpferin geworden, zunächst im Bereich der Friedenspolitik.» Bemerkenswert seien auch Ranke-Heinemanns frühe Kritik am theologischen und kirchlichen Antijudaismus, ihr Bewusstsein für das Leiden anderer Menschen und ihre Vision von Gerechtigkeit. Während des Vietnamkriegs reiste sie 1972 in den kommunistischen Norden und setzte sich für ein Ende der Kämpfe ein, in den 80er-Jahren engagierte sie sich für die Friedensbewegung.
Nach dem Verlust ihrer Professur richtete die Uni Essen Ende 1987 für die Beamtin auf Lebenszeit einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte ein. Getrieben von ihrer Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg, wurde Ranke-Heinemann auch politisch aktiv: Für die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), der Vorläuferin der Linken, kandidierte sie 1999 gar für das Amt des Bundespräsidenten. Bei der Abstimmung verlor sie jedoch erwartungsgemäss klar gegen Johannes Rau, den Ehemann ihrer Nichte Christina.
Ratzinger, der Intimfeind
Auch wenn sich Ranke-Heinemann seit Jahrzehnten wie kaum jemand sonst an der katholischen Kirche reibt – ein Austritt kam für sie nie infrage. Sie sei «ein bleibender Protest» und wolle die Kirche nicht dem «herrschsüchtigen, kalten vatikanischen Machtapparat überlassen», sagte sie zu ihrem 85. Geburtstag. Stattdessen kämpfte sie für die Rechte der Frauen und appellierte an Papst Benedikt XVI. – ihren Intimfeind Ratzinger, der ihr im Streit um die Jungfrauengeburt nicht beistehen wollte –, er möge den Zölibat aufheben. Vergebens. Unter Benedikt habe die katholische Kirche einen Tiefpunkt erreicht, so Ranke-Heinemann.
Über Papst Franziskus sagt die Theologin zwar nichts Negatives, echte Reformen erwartet sie aber nicht. «Die Unfehlbarkeit der Vorgängerpäpste behindert das selbstständige Denken der Nachfolgerpäpste», kritisierte sie 2014 mit Blick auf die vatikanische Familiensynode. Die Hoffnungen auf mehr Offenheit und eine andere Haltung zu Frauen seien «vergeblich in einer Kirche, in der alle Hirten Männer und alle Frauen Schafe sind».
«Sie ärgert sich noch immer»
Inzwischen ist es stiller geworden um Uta Ranke-Heinemann. Auch ihr 90. Geburtstag wird nur in kleinem Rahmen in ihrer Essener Wohnung gefeiert, in der sie noch immer allein lebt. Seit drei Jahren tritt sie nicht mehr öffentlich auf. «Ich bin nicht mehr auf der Höhe meines ehemaligen Verstandes», sagt die Theologin. Seine Mutter leide an einer leichten Demenz, erläutert Sohn Andreas. Die Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft verfolge sie aber noch immer interessiert. «Sie ärgert sich auch immer noch über die katholische Kirche und den Papst.» (epd/vbu)