«Die Christen leiden nicht mehr als die anderen»

Hadi Ghantous hat in Bern Theologie studiert und predigt in der presbyterianischen Kirchgemeinde Miniara im Nord-Libanon, nahe der syrischen Grenze. Vor kurzem besuchte er den Kirchenbund und erläuterte den Hilfswerken die Situation der Kirchen im Mittleren Osten. Marina Kaempf hat ihn zur Lage der Christen befragt.

Hadi Ghantous
Hadi Ghantous. (Bild: DM-échange et mission)

Hadi Ghantous, wie ist die Lage im Norden Libanons – spüren Sie die Folgen des Krieges in Syrien?
In unserer Region sind derzeit über 300’000 Flüchtlinge. Unsere Kirchgemeinde setzt aller ihre verfügbaren Mittel ein, um ihnen zu helfen. Ich freue mich, dass wir insbesondere dank der Unterstützung von «Action Chrétienne en Orient» und anderer Hilfswerke eine Krankenstation eröffnen können.

 

Handelt es sich bei den Flüchtlingen, um die Sie sich kümmern, hauptsächlich um Christen?
95 Prozent der Flüchtlinge in unserer Region sind Muslime. Wir helfen denen, die Hilfe benötigen. Man muss wissen, dass dieser Krieg in erster Linie kein Krieg der Muslime gegen die Christen ist, sondern dass es sich vor allem um Machtkämpfe zwischen verschiedenen muslimischen Strömungen handelt. Die Islamisten des IS greifen alle an, die anders denken als sie selbst. Die Christen leiden nicht mehr als die anderen.

 

Aber die Medien berichten fast täglich von systematischen Massakern an Christen und Jesiden. Zu Tausenden mussten sie ins Exil flüchten…
Sicher werden nach dem Konflikt weniger Christen im Mittleren Osten leben als vorher. Hier in Europa höre ich oft, dass man «das Christentum im Irak und in Syrien» retten muss. Auch bei uns konzentriert sich die Kirche darauf zu überleben. Aber erlauben Sie mir eine Frage: Warum ist es so wichtig, dass es Christen im Irak und in Syrien gibt? Das Überleben kann kein Selbstzweck sein. Eine Kirche, die ausschliesslich um ihr Überleben kämpft, ist eine Kirche, die nur noch ihren Tod hinauszögert.

 

Welche Daseinsberechtigung hat Ihrer Ansicht nach die Kirche im Mittleren Osten?
Das Christentum hat seine Wurzeln im Mittleren Osten. Aber geschichtliche Gründe allein reichen nicht aus, um die dortige Präsenz der christlichen Kirche heute noch zu rechtfertigen. Daher muss sie sich auf ihre Rolle und ihre Aufgaben konzentrieren. Die Kirchen des Mittleren Ostens haben dem Mittleren Osten sowie der ganzen Welt etwas zu bieten.

 

Was denn zum Beispiel?
Dank ihrer privilegierten Stellung innerhalb der arabischen Gesellschaften hat die Kirche des Mittleren Ostens eine Brückenfunktion zwischen Ost und West. Die Komplexität der derzeitigen Konflikte führt dazu, dass ihre Vermittlungskompetenzen immer unentbehrlicher werden. Darüber hinaus können die Christen in den Gesellschaften, in denen sie leben, positive Veränderungen bewirken. Christen lesen die Bibel anders als Muslime den Koran. Daher könnten sie den Muslimen helfen, den Koran auf andere Weise zu lesen.

 

Sie wollen den Muslimen helfen, den Islam zu reformieren?
Eine Reformation des Islams wird sicherlich viel Zeit brauchen, aber wir können die Generation sein, die dazu beiträgt. Es geht nicht darum, Lehren zu erteilen, sondern darum, einer bereits innerhalb der muslimischen Gesellschaften existierenden Bewegung zur Seite zu stehen und Vorbild zu sein. Die Auseinandersetzung mit dem Anderen hilft, sich selbst besser zu verstehen. Das gilt für den Mittleren Osten, aber auch für die Schweiz.

 

Sie sagen, dass Notfallhilfe nicht ausreicht und man auch langfristig denken muss. Was können wir noch tun?
Wir sind für die Hilfe, die wir erhalten, sehr dankbar, aber humanitäre Hilfe ist nur ein erster Schritt. Wer sich darauf beschränkt, den Opfern zu helfen, schafft nur neue Opfer. Wir bitten Sie daher, sich weiterhin bei Ihren Behörden und der UNO zu engagieren.

 

Hadi Ghantous wird vom 17. September bis am 2. Oktober in der Schweiz sein. Er ist Partner einer Heks/DM échange et Mission-Kampagne.

 

Marina Kaempf ist Journalistin BR und arbeitet als Kommunikationsbeauftragte beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Sie hat dieses Interview im Auftrag von ref.ch geführt.