Es war die Zeit, in der die Borkenkäfer an den Wäldern genagt, in der Bäche geschäumt haben und in der von Abfalltrennung noch kaum die Rede war. Maya Graf machte in den frühen 80er Jahren erstmals politisch auf sich aufmerksam: Als Teenager sammelte sie zusammen mit Freunden Aluminium. Dass sie nicht in die Dorfpolitik eingestiegen ist, hatte naheliegende Gründe: Alle Dorfparteien waren bürgerlich, weder zur kommunistischen POCH noch zur SP hatte sie einen Zugang. Sie käme nicht aus «Arbeiterinnenkreisen», sondern sei auf einem Bauernhof aufgewachsen. «Mein Hauptanliegen war eigentlich schon immer die Ökologie», sagt sie in ihrem Büro in Sissach, das sie mit einer Freundin teilt.
Die Türe des kleinen Raumes steht offen und führt direkt auf die Strasse. «Das ist auch nur in der Schweiz möglich», lacht sie. Überall stehen Ordner, stapeln sich Dokumente, die Post ist noch verschnürt, die Wände sind tapeziert mit Fotos ihrer Kinder,
ihres Haflingerpferds und mit
Aufnahmen der Politikerin beim Zusammentreffen mit prominenten Menschen von Eveline Widmer-Schlumpf über Emil bis zu Aung San Suu Kyi – allesamt mit Reisnägeln befestigt. Die Atmosphäre spiegelt viel Arbeit und die Persönlichkeit einer Frau ohne Dünkel, dafür mit viel Offenheit und Charme. Man wähnt sich in einer Wohngemeinschaft, in der engagiert politisiert wird. Von sich selbst sagt Maya Graf nach all den Jahren noch immer, dass sie die Welt retten will.
Ökoaktivistin in der Kirchenpflege
Am 26. November 2012 wurde sie als erste Vertreterin der Grünen und als erste Baselbieterin mit einem hervorragenden Resultat vom Nationalrat zu dessen Präsidentin gewählt. Mit ihren 51 Jahren gilt die Sozialarbeiterin und Biobäuerin bereits als politische Langstreckenläuferin. Angefangen hat ihre offizielle politische Karriere, als die Ökoaktivistin vor 30 Jahren der Sissacher Kirchenpflege beitrat. «In der Kirchenpflege sassen damals vorwiegend ältere Herren, die Kirche wurde von einem väterlich bestimmenden Pfarrer geprägt», erinnert sie sich.
Doch lernte sie so schon als junge Frau, wer wann und wo das Sagen hat, wie Entscheidungen gefällt und wie Abfuhren eingesteckt werden. Denn auf ihre jugendlich-idealistischen Forderungen hatte niemand gewartet: ein offenes Jugendlokal, die Bewahrung der Schöpfung durch aktive Umweltpolitik und mehr Frauenthemen in den Gottesdiensten waren ihre Hauptanliegen.
Sie lernte, im Rat Anträge zu stellen und diese so zu begründen, «dass nicht schon alle beim ersten Wort den Kopf schütteln und weghören». Und sie erkannte die Wichtigkeit von Netzwerken. Der Frauengebetstag (heute Weltgebetstag) hat ihr den Kontakt zu vielen engagierten Kirchenfrauen eröffnet, eine neue Kirchenpflegekollegin und ein neuer junger Pfarrer wurden zu wertvollen Verbündeten. «Nicht aufgeben, hartnäckig, aber nicht stur seine Überzeugung leben, die Menschen gewinnen und nicht vor den Kopf stossen, und immer wieder herzhaft lachen» – diese Devise bestimmt ihre politische Tätigkeit bis heute.
Mais im Bundeshaus
Vier Jahre nach ihrem Einzug in die Kirchenpflege gründete sie mit Gleichgesinnten in ihrer Gemeinde die politische Gruppierung «Stechpalme» und eroberte damit ihr erstes politisches Amt. 1995 wurde sie für die Grünen in den Baselbieter Landrat gewählt, seit 2001 vertritt Maya Graf die Grüne Partei im Nationalrat.
National bekannt wurde sie durch den Dokumentarfilm «Mais im Bundeshaus» (2003), der den Zuschauern einen Blick hinter die Kulissen des Regierungsgebäudes ermöglicht. Der Film von Jean-Stéphane Bron verfolgt eine parlamentarische Kommission, die über ein neues Gesetz zur Gentechnik debattiert. Er zeigt die Verfechter von Wirtschaftsinteressen sowie die Skeptiker, welche die Auswirkungen dieser revolu-tionären Technologie fürchten. Im Zentrum der Kritiker steht die
enthusiastische, frischgebackene Nationalrätin Maya Graf.
Kirchliche Frauenpower
Ihre politische Herkunft ist für sie bis heute prägend: «Viele Grüne haben ihre politischen Wurzeln in der Kirche.» Die meisten kämen aus der Dritt-Welt- und aus der Friedensbewegung – vor allem Frauen. In den 80er Jahren gründeten Kirchenfrauen Dritt-Welt-Läden, die Frauen für den Frieden wurden ins Leben gerufen, feministische Theologinnen mischten sich zusehends in kirchliche Debatten ein. «Die meisten wichtigen Themen haben die Frauen in die Kirchen gebracht. Kaum wurde die Arbeit professionalisiert (und bezahlt!), übernahmen die Männer die wichtigen Funktionen.» Das sei aber kein kirchliches, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen.
In vielen Kirchenpflegen herrsche zwar noch immer oft ein konservatives Regime. «Auf natio
naler Ebene habe ich Bereiche der Kirchen dank ihrem Engagement für Solidarität und Fairtrade aber als progressiv erlebt.» Sie lobt die früheren und heutigen Kampagnen von Fastenopfer und Brot für alle, die sich etwa die Ausbeutung der Rohstoffe oder Landgrabbing auf die Fahne schreiben. Schon in den 80er Jahren habe sie gefordert, dass die Kampagnenkalender in alle Sissacher Haushalte verschickt würden, was aus finanziellen Gründen abgelehnt worden ist. «Das ärgert mich heute noch. Denn ich finde diese Themen so wichtig, dass sich alle damit beschäftigen müssten.»
Mutigere Kirche gefordert
Der Kampf für Gerechtigkeit sollte global gedacht, aber auch lokal ausgetragen werden: «Wir müssen uns für eine bessere Welt einsetzen und dafür mutig sein. Das sollte auch die Kirche tun.» Allzu oft nehme diese Rücksicht auf die Befindlichkeit einzelner Mitglieder, die Landeskirchen wollten sich wohl auch nicht mit der Wirtschaft anlegen, vermutet sie. «Die 68er-Themen, die Frauenbewegung und auch die vom Schöpfungsgedanken geprägte Kirche der 80er Jahre sind zusehends von einem neoliberalen Denken abgelöst worden.»
Was Maya Graf als asozial empfindet, ist beispielsweise, dass Kirchensteuern nicht progressiv erhoben würden. Dieses Begehren wurde in einer Abstimmung abgelehnt, weil die Angst geschürt worden sei, dass reiche Mitglieder austreten würden. «Aber es ist doch einfach nicht gerecht, wenn alle Mitglieder ein Prozent ihres steuerbaren Einkommens der Kirche spenden, ungeachtet dessen, was sie verdienen!»
Gegen Deutungshoheit
Manchmal bedauert sie, dass die Kirchen nicht mutiger sind. Problematisch sei eben, dass jeder die christlichen Werte so biege, dass sie in eine entsprechende Ideologie passten. Umso wichtiger sei es, sich mit eigenen und fremden Wertsystemen auseinanderzusetzen. Sie bezeichnet es denn auch als Grundübel der monotheistischen, patriarchal strukturierten Religionen, dass sie allzu oft die alleinseligmachende Wahrheit gepachtet hätten. Die erbitterten Kämpfe um den Wahrheitsanspruch, die oft in Fanatismus und Krieg mündeten, bezeichnet sie als katastrophal. «Das hat nichts mit den Werten zu tun, die alle abrahamitischen Religionen predigen!»
Sie verurteilt die verkündende Mission und ist fasziniert vom buddhistischen Grundverständnis, dass jeder Mensch für sich selber verantwortlich ist und nicht wissen kann, was für andere gut ist. Wenn jemand eine Deutungshoheit in Anspruch nimmt, wird sie stutzig. Alle Menschen seien suchend. Sie bedauert, dass die Kirchen ihnen nicht mehr anbieten, so dass sie in Nachbargärten zu graben beginnen. Kirchliche Themen seien grundlegend. Auf den Alltag heruntergebrochen, sollten damit gerade auch junge Menschen angesprochen werden können. Die Nationalratspräsidentin ortet in den christlichen Kernbotschaften viel Potenzial, auch Junge als Kirchenpfleger oder Synodale zu gewinnen.
Vorbild Jesus
Heute ist sie keine aktive Kirchgängerin mehr. Aber immer wieder hat sie mit der Kirche zu tun. Heuer schrieb sie das Vorwort zum Jahresbericht der reformierten Baselbieter Kirche, sie war Rednerin am Weltgebetstag oder nahm am Solidaritätsessen «Tischlein deck dich» in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel teil. «Die Geschichte von Jesus hat mich immer fasziniert. Er stand auf gegen Ungerechtigkeiten, hat sich für die Schwachen und die Frauen eingesetzt, gegen die Obrigkeit mit seinem Leben gekämpft und ist dabei demütig geblieben», sagt Maya Graf. «Er war ein echter Revolutionär; er sollte uns ein Vorbild sein.»
Ihre zwei Kinder sind getauft und konfirmiert. «Es ist wichtig, die eigene Herkunft und die eigene Identität zu kennen. Dann kann man auch anderen gegenüber tolerant sein.» Bei aller institutioneller Arbeit, die wichtig sei, fordert sie von den Kirchen, sich aktiver und couragierter für eine bessere Welt einzusetzen. «Ich bin überzeugt, dass eine Kirche, die sich offensiv engagiert, zwar mehr kritisiert wird, dafür aber auch mehr Achtung und Zuspruch erhält.»
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