«Ich bin ein kirchennaher, ungetaufter Atheist», kokettiert René Simon gleich zu Anfang des Gesprächs. Er und seine Frau haben vor zehn Jahren aus beruflichen Gründen ihre Zelte in Winterthur aufgeschlagen, keine 200 Meter von der Veltemer Kirche entfernt. Seit Anfang Juni schweigt deren Glockengeläut zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens.
René Simon ist ein waschechter Berliner, aufgewachsen noch in der damaligen DDR. Dies sein Bezug zum Atheismus. Taufe oder Gottesdienst widersprachen in der DDR nämlich der offiziellen Staatsdoktrin. René Simon wundert sich noch heute, dass während seiner Jugend vom Kirchturm in seiner Nähe jeden Abend punkt sechs Uhr trotzdem Glockengeläut zu vernehmen war. Wundersames atheistischer Geläut eben…
Beim Zusammenbruch des DDR-Regimes spielte die Kirche eine wichtige Rolle. Sie trat ein für die Menschenrechte und weitere universelle Werte, machte sich für Randgruppen stark und predigte den Respekt vor dem Leben. «Dazu konnte auch ich stehen, und dazu stehe ich noch», sagt René Simon.
Die Simons sind keine Langschläfer. Die Gattin verlässt das Haus früh, und so ist die Aufwachzeit von fünf Uhr im simonschen Bio-Rhythmus einprogrammiert. Doch ganz Verlass ist auf den Bio-Rhythmus eben nicht. Bestätigt, dass er intakt ist, hatte bis zum 31. Mai 2014 die Dorfkirche. «Das plötzliche Fehlen der akustischen Zeitansage am Morgen früh hat mich etwas heimatlos gemacht», sagt Simon, der es unbequem findet, morgens ständig auf die Uhr schauen zu müssen.
Preiswerte Komponenten
Der Elektroingenieur schritt also zur Tat und programmierte ein digitales Glockengeläut. Als Hardware diente ihm ein kreditkartengrosser und 35 Dollar billiger Linux-Rechner mit Namen «Raspberry Pi». Das Rechnerlein verfügt über eine Vielzahl von Anschlüssen, etwa einen Netzwerkanschluss zum Empfang des Zeitsignals via Internet oder einen Ausgang für einen Aktivlautsprecher mit analoger Kabelverbindung. Die Stromversorgung funktioniert mit jedem Handy-Ladegerät. «Die ganze Hardware ist entwicklungsländertauglich», schmunzelt Simon. «Das System setzt sich aus preiswerten Einzelkomponenten zusammen.»
«Welt-Heim-Gong» als App
Die Audiodatei – das Geläut der Winterthurer Kirche Rosenberg – erhielt Simon von Klaus Grimmer geschenkt, dem Erschaffer des «Stadtglüüts», das am 1. Januar 2014 die Winterthurer 750-Jahr-Feierlichkeiten einläutete. Bei der Programmierung der Software, wofür Simon einen Nachmittag investierte, war darauf zu achten, dass der «Raspberry Pi» Stunden- und Viertelstundenschläge sowie auch Winter- von Sommerzeit unterscheiden kann.
Unterdessen hat Simon auch eine App für Android-Handys programmiert. «In einem Handy steckt schon alles drin, was es für den ‹Welt-Heim-Gong› braucht.» So nennt Simon sein eigenes Kirchgeläut. Die App läuft auf Samsung-Handys präzis, ist aber in Googles PlayStore noch nicht erhältlich. Wer den verstummten Nachtglocken selber nachtrauert, dem steht René Simon mit Rat und Tat zur Seite. Die App stellt er Interessenten vorderhand kostenlos zur Verfügung.