Vom Präsidium an die Werkbank

Einmal im Jahr tauscht der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg seine Amtsstube mit einem völlig fremden Arbeitsplatz. Dieses Jahr war er einen Tag in einer Werkstatt der Behindertenstiftung Schürmatt. ref.ch hat ihn begleitet.

Volle Konzentration: Christoph Weber-Berg (links) und Werkgruppenleiter Sepp Suter.
Volle Konzentration: Christoph Weber-Berg (links) und Werkgruppenleiter Sepp Suter. (Bild: Matthias Böhni/ref.ch)

Es ist heiss heute. «Schau mal, wie viel ich getrunken habe, schon drei Liter!», sagt Anna stolz und zeigt ihre leere Mineralflasche. Christoph Weber-Berg entgegnet schalkhaft: «Dann bist du ja wie ein modernes Auto, das braucht auch nur drei Liter auf 100 Kilometer.»

Es wird oft gescherzt während der Arbeit bei der Firma Neogard in Gontenschwil. Neogard vertreibt Gartenzubehör und hat eine Werkstatt an die Stiftung Schürmatt vermietet, die 1963 von der reformierten Aargauer Kirche gegründet wurde (siehe Kasten). Anna und ihre Kolleginnen und Kollegen können dort arbeiten. Und heute arbeitet eben auch der Kirchenratspräsident mit, und zwar nicht in Hemd und Krawatte, sondern Jeans und schwarzem T-Shirt.

Am Morgen war er mit dem Schulbus der Stiftung unterwegs und hat mit den Chauffeuren geredet. Danach hat er in der Werkstatt kleine Rezepte an Verpackungen eines Grossverteilers geklebt – «eine eher meditative Arbeit.» Nun sitzt er wieder am Werkbank mit Nina, Anna, Markus, Matthias und fünf weiteren Personen mit verschiedenen Behinderungen und schraubt Hightech-Lasergeräte einer Medizinaltechnikfirma zusammen.

Weg vom Computer!

«Ich möchte wissen, wie die Leute hier arbeiten, möchte bei den Menschen sein und nicht nur auf dem Bürostuhl in den Computer starren», begründet Weber-Berg seinen doch unorthodoxen Ausflug in die Werkstatt. «Für mich ist das auch Weiterbildung. Ich möchte dort sein, wo das Leben stattfindet.»

Das findet hier tatsächlich statt. Und niemanden störts, dass Weber-Berg da ist, im Gegenteil. Man ist amüsiert, nimmt ihn und sich auf den Arm («du bisch behinderet!» – «nei du!»), und einmal fliegt aus Übermut sogar ein Taschentuchpäckli durch die Gegend. Eine autistisch wirkende Frau, die gar nichts spricht, hat plötzlich ein Lächeln auf dem Gesicht. Nur die Fliegen nerven.

Die Werkstatt ist angenehm kühl. Selbstgemalte Bilder und Fotos von Ausflügen hängen an der Wand, ein Radio verbreitet dezenten Pop. Werkgruppenleiter Sepp Suter begleitet das Ganze ruhig und aufmerksam. Er ist ein bärenhafter Muotataler, der mit seinem Zopf aussieht wie ein Indianerhäuptling.

«Du darfst wieder kommen»

Zweimal an diesem Nachmittag gibt es eine kurze Pause. Jemand mit Trisomie 21 erzählt freudig von den geplanten Ferien am Zürichsee. Und auch Weber-Berg gibt gerne Auskunft, ob er Kinder hat, wo sein Heimatort ist, was er denn arbeitet. «Ich bin viel an Sitzungen, sitze oft am Computer und schreibe Mails », sagt er, «aber ich mache gerne Sachen mit den Händen. Darum gefällt es mir hier.»

Die Pause ist vorbei. Weber-Berg schraubt weiter, der Schraubenzieher liegt ihm gut in der Hand. «Das hier ist eine tolle Schnittstelle zwischen der Wirtschaft und einer Einrichtung für Menschen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen», erläutert er. Die Stiftung müsse die Arbeiten aber offerieren wie andere Anbieter. Die Kunden könnten sie jederzeit anderweitig vergeben. Bis jetzt habe man aber immer Aufträge erhalten, ergänzt Sepp Suter.

Um Viertel nach vier ist Arbeitsende. Weber-Berg legt den Schraubenzieher auf das Pult und die Hände in den Schoss, während Sepp Suter wohlwollend seine Arbeit begutachtet. «Doch, doch, das sieht gut aus. Du kannst wieder kommen», lacht er und entlässt den Kirchenratspräsidenten in den verdienten Feierabend.


 

Die Stiftung Schürmatt…

…ist eine der grössten Einrichtungen für Behinderte im Kanton Aargau und ein wichtiger regionaler Arbeitgeber. Sie wurde 1964 von der reformierten Aargauer Kirche gegründet, betreut rund 420 Klienten und beschäftigt etwa gleich viele Mitarbeiter an verschiedenen Standorten im Kanton Aargau. Der Umsatz beträgt rund 33 Millionen Franken. Die reformierte Aargauer Kirche bestimmt den Stiftungsrat, nimmt aber keinen operativen Einfluss. 2014 hat die Stiftung die heilpädagogische Schule in Aarau übernommen, diesen August eröffnet sie ein heilpädagogisches Zentrum in Othmarsingen.

 www.schuermatt.ch/