Seit 2012 sitzt der Wirtschaftswissenschaftler im Gefängnis, im Januar dieses Jahres musste er die ersten öffentlichen Stockhiebe erdulden. «Er ist ein sehr zärtlicher Vater, ein unglaublicher Mann», schwärmt Badawis Ehefrau Ensaf Haidar von ihrer Jugendliebe. Sie hatten vor zehn Jahren geheiratet und gemeinsam zwei Töchter und einen Sohn aufgezogen. Ihr Mann, ein Büchernarr, betrieb eine englischsprachige Computerschule. Seine wahre Berufung sei aber das Schreiben mit dem Fokus auf Meinungsfreiheit gewesen. «Er setzte sich für Dialog zwischen den Menschen ein. Er wollte Meinungsfreiheit und Rechte für Frauen und für alle Menschen», berichtet Haidar. Dies habe ihn immer motiviert und daher habe er die Internetseite Liberal Saudi Network gegründet. Sein Vergehen aus Sicht der Herrscher bestand darin, dass er in seinem Blog immer wieder die Religionspolizei für ihre harte Durchsetzung der in dem wahhabitischen Königreich vorherrschenden strengen Auslegung des Islam kritisierte und sich für eine Diskussion darüber einsetzte.
Auch Anwalt verurteilt
Nach der Verhaftung Badawis floh Haidar mit den Kindern nach Kanada, wo sie seither in grosser Sorge um ihren Ehemann lebt. Ihm gehe es «überhaupt nicht gut und auch seiner Psyche geht es nicht gut», sagte sie vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem ZDF. Der Blogger war 2013 in einem ersten Prozess wegen «Beleidigung des Islam» zu sieben Jahren Haft und 600 Stockhieben verurteilt worden. In einem Berufungsprozess wurde die drakonische Strafe noch einmal auf zehn Jahre Haft und tausend Stockhiebe erhöht. Sogar sein Anwalt wurde noch zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die ersten 50 Hiebe musste Badawi am 9. Januar vor einer Moschee in der Hafenstadt Dschiddah am Roten Meer erdulden. Beobachtern zufolge habe er weder geschrien noch geweint. Doch die Wunden heilten nicht, daher wurde die nächste Vollstreckung am Freitag darauf ausgesetzt. Für die folgenden Aufschübe nannte Riad keine Gründe – möglicherweise liegt es an den heftigen internationalen Protesten.
Deutsche Kritik und deutsche Waffen
Neben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilten auch die EU-Kommission und die US-Regierung die Strafe in scharfer Form. Auch der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier nannte die Strafe, «grausam, falsch, ungerecht und sowieso völlig unverhältnismässig». Doch auch bei der bevorstehenden Saudi-Arabien-Reise von Steinmeiers Parteikollegen, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, dürfte wieder im Vordergrund stehen, dass das ultrakonservative Königreich im Nahen Osten ein wichtiger Abnehmer von deutschen Rüstungsgütern ist und als Verbündeter im Kampf gegen die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) gilt. Haidar hatte Gabriel im Vorfeld der am Samstag beginnenden Reise aufgefordert, der Vizekanzler solle sich für die Freilassung und Ausreise ihres Mannes einsetzen. Gabriel versprach indirekt dies zu tun, aber «sinnvollerweise nicht im Fernsehen». (sda)