Filmtipp
Schwieriges Erbe
Sie richteten ihr Leben allein an der Bibel aus, lehnten die Kindertaufe ab und bekannten sich zur Gewaltlosigkeit – Überzeugungen, die heute unspektakulär wirken, galten im 16. Jahrhundert als Rebellion. Die Täuferbewegung, die aus der Reformation hervorging, wurde jahrhundertelang verfolgt: Ihre Anhänger wurden eingesperrt, gefoltert und vertrieben. Sie fanden Zuflucht in Deutschland, den Niederlanden, Nordamerika – oder auf den Jurahöhen.
In der Streusiedlung Mont-Tramelan, auf über tausend Metern über Meer, wuchs Jürgen Gerber auf – in einer der grössten Täufergemeinschaften der Schweiz. Gerber ist die Hauptfigur des Dokumentarfilms «Kinder des Friedens». In dem rund einstündigen Film wird er von Regisseur Manuel Andreas Dürr zurück an die Stätten seiner Kindheit begleitet.
Schmerzhafte Konfrontation
Gerbers Reise zu den eigenen Wurzeln ist geprägt von starken Erinnerungen – an das frühmorgendliche Melken der Kühe, die Sonnenaufgänge über den Bergen und die enge Gemeinschaft, in der Solidarität gelebt wurde. Doch sie ist auch eine Konfrontation mit den schmerzhaften Geschichte des Täufertums und der Einsicht, dass das Ideal der Gewaltlosigkeit nicht immer umgesetzt werden konnte.
Ein prägendes Erlebnis war für Gerber der Jurakonflikt, in den auch seine Gemeinde verwickelt wurde. In den 1960er-Jahren kämpften jurassische Separatisten für die Unabhängigkeit des französischsprachigen Teils des Kantons Bern. In den Fokus gerieten auch die Täufer – nicht zuletzt, weil sie an der Sprache der «Besatzer» festhielten und mehrheitlich loyal zu Bern standen. Bald schon brannten Höfe und Schulen.
Auch innerhalb der täuferischen Gemeinschaft wich das Ideal der Gewaltlosigkeit mancherorts dem Bedürfnis nach Selbstschutz. Einige aus der Gemeinde schlossen sich den berntreuen «Sangliers» an – einer Jugendorganisation, die in gewaltsame Auseinandersetzungen mit Separatisten geriet. «Der Glaube an Frieden durch Wehrlosigkeit wurde in dieser Zeit vergessen», resümiert die ehemalige Mennonitenpfarrerin Nelly Gerber-Geiser im Film.
Was von der Friedensethik bleibt
«Kinder des Friedens» verknüpft persönliche Erzählung mit historischen Einblicken. Fachleute wie die Historikerin Astrid von Schlachta ordnen die Erfahrungen ein: Zwar blieb Gewaltlosigkeit für die meisten Täufer ein zentrales Prinzip, doch es gab Ausnahmen. Im 16. Jahrhundert etwa errichteten Täufer in Münster ein gewaltsames Regime. Und auch während des Ersten und Zweiten Weltkriegs stimmten viele Mennoniten in die patriotische Kriegsbegeisterung mit ein.
Heute steht das Ideal der Gewaltlosigkeit erneut zur Debatte – angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und einer globalen Aufrüstung, die wenig Raum für Pazifismus lässt. Gewalt provoziere stets neue Gewalt, sagt Lukas Amstutz, Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz: «Es müsste doch auch andere Wege geben». Zugleich räumt er ein: Einen umfassenden Gewaltverzicht könne man nicht von einer gesamten Gesellschaft verlangen. Es ist eine Stärke des Films, dass er keine einfachen Antworten liefert – und damit Raum für eigenes Nachdenken schafft.
«Kinder des Friedens», Schweiz 2024; Regie: Manuel Andreas Dürr; eine Produktion der Schwarzfalter GmbH in Kooperation mit SRF. Der Film wird am 29. Mai um 10 Uhr im Schweizer Fernsehen SRF ausgestrahlt.