Auch für einige Fachleute in Belgien war es eine Überraschung: Ende Januar gab die angesehene Königliche Akademie für Medizin ihre Meinung zum Thema Sterbehilfe für todkranke Kinder bekannt. Die hochsensible Frage wird in Belgien seit Monaten heftig diskutiert. Die Akademie für Medizin gilt als konservative Einrichtung. Doch beim Thema Kinder-Sterbehilfe verzichteten die Ärzte auf einen Einspruch – sie formulierten nur eine Reihe strenger Auflagen.
Kranke Kinder oft ungewöhnlich reif
Mittlerweile gilt es als nahezu sicher, dass Belgien in Kürze die aktive Sterbehilfe für Minderjährige gesetzlich erlauben wird. Am kommenden Mittwoch will das Plenum des Parlaments über den Gesetzentwurf debattieren, am Donnerstag will es abstimmen. Es geht um die Ergänzung eines bestehenden Gesetzes: Die Sterbehilfe für Erwachsene ist in Belgien bereits seit 2002 möglich. Die Änderung nimmt Kinder ohne jede Chance auf Heilung in den Blick, etwa mit Krebs im Endstadium. Einige Experten schätzen, dass jährlich etwa ein Dutzend Minderjährige einen solchen Schritt in Erwägung ziehen würde. Voraussetzung ist ein «unerträgliches Leiden», so besagt es der Entwurf. Die Eltern und mehrere Ärzte müssen zustimmen. Kranke Kinder seien oft ungewöhnlich reif und könnten ebenso klar entscheiden wie Erwachsene, betonen liberale, sozialdemokratische und grüne Politiker. «Es geht einzig und allein um das Wohlergehen des Patienten», unterstreichen auch 16 belgische Kinderärzte, die Ende 2013 als Befürworter einen Offenen Brief verfassten. Ihr Argument ähnelt dem, das vor einem Jahrzehnt bei der Legalisierung der allgemeinen Sterbehilfe in Belgien zu hören war: Es gehe mitnichten darum, einen Dammbruch bei solchen Praktiken zu schaffen. Vielmehr müssten reale Geschehnisse aus der «dunklen Zone» geholt werden. Die Qualen der Kinder und ihre Bitten um Hilfe seien Wirklichkeit – und die Reaktion der Ärzte, selbst wenn nicht immer legal, sei es ebenfalls, heben die Mediziner hervor.
Keine Einigkeit zum Thema unter dem medizinischen Personal
Doch es gibt auch Fachleute, die das anders sehen. «Mir ist noch nie ein Kind begegnet, das um eine tödliche Spritze gebeten hat», sagt die Kinderkrankenschwester und Ethikexpertin Catherine Stryckmans, die seit 30 Jahren krebskranke Menschen betreut. «Die Kinder wollen, dass man sie mit der soundsovielten Chemotherapie in Ruhe lässt. Sie wollen ihr Leben friedlich abschließen. Aber ist das ein Wunsch nach Sterbehilfe?» Unter dem medizinischen Personal gebe es gar keine Einigkeit, was Sterbehilfe sei, meint Stryckmans. 38 Kinderärzte veröffentlichten kürzlich einen Protestbrief in der konservativen Tageszeitung «Libre Belgique». Für das kranke Kind würde es zusätzlichen Stress bedeuten, vor einer solchen Entscheidung zu stehen, warnen die Ärzte. Sie sind besorgt, dass der mutmaßliche Sterbewunsch in Wirklichkeit der Wille der verzweifelten Eltern sein könnte. «Bewusst oder unbewusst könnten sie das Kind ermutigen, ein Ende herbeizuwünschen.» Die Mediziner halten die Gesetzinitiative für überstürzt und unüberlegt.
Proteste von christlicher, jüdischer und muslimischer Seite
Die katholische Kirche in Belgien will versuchen, das Gesetz in letzter Minute noch zu stoppen – mit geringen Chancen. In mehreren Städten veranstalten die Bischöfe in diesen Tagen Mahnwachen. Doch die Geistlichen mussten sich von laizistischen Organisationen schon sagen lassen, sie hätten sich aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten – das gebiete die Trennung von Kirche und Staat. Jüdische und muslimische Vertreter verschafften sich mit ihrem Protest noch weniger Gehör. So bleibt für die Skeptiker nur die Hoffnung, das neue Gesetz möge letztlich nur sehr selten zum Einsatz kommen. Auch die Befürworter plädieren dafür, Behandlungsmethoden wie ganzheitliche Schmerztherapien weiter zu fördern. Das Gesetz enthält Hürden, die die Anwendung schwieriger machen als bei Erwachsenen: So muss ein Arzt bestätigen, dass der Tod tatsächlich nahe bevorsteht. Erwachsene können beispielsweise auch um Sterbehilfe bitten, wenn sie wegen einer schweren Behinderung die Lebensfreude verloren haben.