Seine Worte könnten die Schweiz verändern: Der Zürcher Ökonom Werner Widmer hat eine neue Nationalhymne getextet. Von mehr als 200 Beiträgen aus allen Landesteilen, die zwischen Januar und Juni 2014 eingegangen sind, wurde seine Version als Favorit auserkoren. Was hat ihn dazu motiviert, am Künstlerwettbewerb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) teilzunehmen?
«Die Aufgabestellung hat mich gereizt», sagt Widmer auf Anfrage. «Einen neuen Text für die Landeshymne zu schaffen, der nahe bei der Präambel der Bundesverfassung ist.» Die neue Hymne besteht aus einer einzigen Strophe, die in alle vier Landessprachen übersetzt ist. Unverändert bleibt die Melodie. Denn: «In der Schweizer Bevölkerung hätten neue Töne einen schwierigen Stand», sagt Widmer.
In seinem Textvorschlag steht die Schweizer Flagge im Zentrum. Die ersten Zeilen der Hymne: «Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.» Mit dem einprägsamen Vers verfolgt der Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster und Verwaltungsratspräsident des Kantonsspitals Baselland ein bestimmtes Ziel: «Ich denke, die Werte der Bundesverfassung sollten im Land wieder vermehrt ins Bewusstsein gerufen werden.»
«Gott kommt vor!»
Der fromme Duktus der heutigen Nationalhymne entfällt bei Widmer ganz. Kein Hocherhabener, kein Herrlicher, kein Aufruf zum Gebet. Warum kommt Gott im Vorschlag des reformierten Texters nicht vor? «Gott kommt vor – aber nicht als Wort!», widerspricht Widmer im Gespräch. Die Nationalhymne sei kein Glaubensbekenntnis. Viel mehr solle sie den Zusammenhalt im Volk fördern. Zu diesem gehörten auch Leute, die sich nicht zu einem Glauben bekennen.
Widmer zitiert Matthäus 7, 21: «Nicht, wer mich dauernd ‚Herr‘ nennt, wird in Gottes Reich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.» Diese Bibelstelle war für ihn ausschlaggebend. Er begründet: «Gott ist kein Etikett. Wichtig ist es, seinem Willen zu entsprechen zu dem insbesondere der Schutz der Schwächeren gehört.» So heisst es in der vierten Zeile: «Frei, wer seine Freiheit nützt, stark ein Volk, das Schwache schützt.»
Wie es nun weitergeht
Ist der Verfasser der potentiell neuen Schweizerhymne ein Patriot? Werner: «Ich bin dankbar dafür, in der Schweiz leben zu dürfen. Abschotten darf sich die Schweiz aber nicht. Das ist nationalistisch. Ich bin quasi ein offener Patriot.
Ob am Nationalfeiertag oder bei einem Spiel der Schweizer Nationalmannschaft dereinst sein Text gesungen wird, ist noch ungewiss. Die SGG wird den neuen Hymnentext nun landesweit Gemeinden, Schulen und Musikvereinen schmackhaft machen. Wenn er auf breite Akzeptanz stösst, wird sie den Vorschlag dem Bundesrat und dem Parlament vorlegen. Einen fixen Zeitplan gibt es nicht. «Wir gehen davon aus, dass dieser Prozess Zeit brauchen wird», heisst es in einer entsprechenden Mitteilung der SGG.