Computerspiele scheinen nicht gerade das geeignete Medium zu sein, um Weihnachten zu thematisieren. Jedenfalls nicht, wenn wir etwa an die Geburt von Jesus oder an die viel beschworene Besinnlichkeit denken. Weihnachten ist aber selten nur besinnlich, sondern für viele Menschen mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Und der wird in zahlreichen simplen Gratisspielen im Internet simuliert. Virtuell werden beispielsweise Weihnachtseinkäufe erledigt, das Weihnachtsessen gekocht, Frisur und Garderobe gestylt, Stuben und Tannenbäume dekoriert und Geschenke verteilt. Klingt nach Kitsch, ist es häufig auch. Doch die relativ grosse Spielerschaft solcher Titel zeigt, dass es für viele auch entspannend und spassig ist, Alltagsaktivitäten spielerisch verdichtet und ohne den üblichen Druck nachzuerleben und weiter darin aufzugehen.
Kochen inklusive «Mise en Place»
Ein Beispiel ist das Kochspiel «Weihnachtsessen» aus der Reihe «Sara’s Cooking Class» mit 360’000 «Gefällt mir»-Klicks auf Facebook. Zum Einstieg präsentiert Sara das viergängige Weihnachtsmenü: Erbsensalat, doppelt gebackene Kartoffeln, Truthenne und Cranberry-Sauce. Dazu kriegt man den amerikanischen Weihnachtsmarsch, der sich glücklicherweise ausschalten lässt. Es folgt die Wahl des Ganges, der für den Festschmaus zubereitet werden soll. Das eigentliche Spielfeld ist die Küche. Oben tickt eine Uhr – das Kochen kann wahlweise als Wettlauf gegen die Zeit verübt werden. Die einzelnen Schritte sind vorgegeben: Ein Extrafenster listet die Kochutensilien und Zutaten, die für die obligate «Mise en Place» zusammengesucht und auf dem Küchentisch abgelegt werden müssen. Dies geschieht per Anklicken und Platzieren auf dem vorgegebenen Ort. Es folgt abwechselnd das Beigeben, Mischen, Kochen oder Backen sowie weiteres Bereitstellen von Zutaten für den nächsten Schritt. Schliesslich wird noch garniert und auf weihnächtlichem Geschirr angerichtet. In der für Spiele typischen Leistungsabrechnung kriegt man dann Punkte und Sterne für schnelles Kochen und wird eingeladen, auf Sara’s Facebook-Seite weitere Rezepte kennenzulernen.
Kurzweiliges Kitsch-Spiel
«Weihnachtsessen» ist in erster Linie ein kurzweiliger Gratis-Kochsimulator und enthüllt seine weihnächtlichen Qualitäten erst auf den zweiten Blick. Damit ist nicht die Ästhetik gemeint, die umstandslos den Kitsch-Preis abräumen würde. Nicht die spielerische Herausforderung, die sich auf Klick-wohin-ich-dir-zeige-Niveau bewegt. Nicht die Individualität, die man im streng linearen Ablauf vergebens sucht. Nicht der fehlende Komfort, der den Spieler nach Abbruchmöglichkeiten, Menüknöpfen oder Beschriftungen der Gegenstände suchen lässt. Nicht der Wissenserwerb, der sich in bescheidenem Rahmen hält, wobei immerhin die eingeübten Rezepte mit realen Mengenangaben und werbefrei abrufbar sind. Nein, «Weihnachtsessen» ist ein weihnächtliches Spiel, weil es die «kleinen», «niederen», oft ungesehenen und als selbstverständlich betrachteten Arbeiten der Essenszubereitung würdigt. Und im Kleinen beginnt, was gross werden soll.
Angaben zum Spiel
Sara’s Cooking Class – Weihnachtsessen (Spil Games 2012).
Plattform: Internet. Webseite: http://www.girlsgogames.de/spiel/saras_kochunterricht_weihnachtsessen.html#
Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 7 Jahren
Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
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