Was heisst biblisches Familienmodell heute?

Ob streng katholisch oder liberal evangelisch, wenn über moderne Lebens- und Familienformen diskutiert wird, dann kommt stets die Rede auf das viel zitierte «biblische Modell» von Vater-Mutter-Kind. Aber gibt es das überhaupt? Eine SWR2-Radiosendung ging dem Thema nach.


Wenn über moderne Lebens- und Familienformen diskutiert wird, dann kommt die Rede schnell auf das «biblische Modell» von Vater-Mutter-Kind. Aber was ist eine «christliche» Familie? Während Katholiken wohl an die heilige Familie von Josef, Maria und Jesus denken, mögen Protestanten das bürgerliche Familienidyll des evangelischen Pfarrhauses 
im 19. Jahrhundert verinnerlicht haben. In Fragen um die Familienpolitik mischen sich die Kirchen oft vehement ein. Moralisch legitimiert werden ihre Mahnworte durch ihr Selbstverständnis als eine Art Werte-Agentur. Dabei vertreten sie ein christlich-abendländisches Menschenbild, das in einem angeblich biblischen Ideal von Ehe und Familie gründet.

Luther sah die Ehe als ein «weltlich Ding»
Gottesfürchtige Frauen sind in dieser traditionalistischen Sicht entweder Ehefrauen und Mütter oder Nonnen. Dabei haben beide Lebensformen etwas gemeinsam: die strikte Ablehnung der nicht-
ehelichen Sexualität. Dass Millionen von Frauen 
und Männer auf Sex verzichten sollen, solange 
kein Trauschein vorliegt, erkennen allerdings selbst traditionstreue Katholiken und «bibeltreue» Protestanten als Dilemma an. Wilfried Härle, emeritier
ter Theologieprofessor aus Heidelberg, sagt in
des, dass unser Verständnis von Ehe in der Bibel nicht vorkomme. Auch nach Luther sei die Ehe 
ein «weltlich Ding». Härle plädiert damit gegen die Überhöhung der Ehe zu einem göttlichen Sakrament – wohl wissend, dass die prominentesten Religionsstifter des Christentums, Jesus und Paulus, weder geheiratet noch eine Familie gegründet haben.

«Sünder» unter frommen Christen
Die SWR-Sendung zeigt zudem, dass fromme Christen und Christinnen auch unter den «Sündern» zu finden sind. Almut etwa bricht mit ihrem pietistischen Elternhaus, wird ledig Mutter, trennt sich vom Kindsvater. Christian ist geschieden und hat zwei Kinder von zwei Frauen. Almut und Christian heiraten, haben ein gemeinsames Kind. Ihre vorherigen gescheiterten Beziehungen haben bei beiden Schuldgefühle hervorgerufen: Immer wieder glauben sie, sich rechtfertigen zu müssen. In der katholischen Kirche wären Almut und Christan nicht nur nicht getraut worden. Sie dürften auch nicht 
an der Eucharistiefeier teilnehmen.


Zur SWR2-Sendung Neuer Blick auf alten Streit – Was heisst biblisches Familienmodell heute? vom 11. Mai.