Vorgeschobene christliche Ideale im Computer-Game

Im schwedischen Detektiv-Abenteuerspiel «The Samaritan Paradox» vertiefen sich die Spielenden in die Abgründe eines «hilflosen Helfers».

Göteborg, 1984: Der berühmte Journalist und Autor Jonatan Bergwall hat Selbstmord begangen. Seine Tochter Sara beauftragt den Kryptologen Ord Salomon, das letzte verschollene Manuskript des Vaters zu finden, das zum beträchtlichen Erbe des Schriftstellers führen soll.

Ord nimmt die Schatzsuche auf, doch seine Fragen kreisen schon bald um andere Themen: Weshalb will sich Sara nicht mit dem Erbe ihres Vaters auseinandersetzen? Warum hat sich der Sohn von der Familie distanziert? Was weiss die an Alzheimer erkrankte Witwe? Und hat Jonatan Bergwall wirklich Selbstmord verübt? Seine Nachforschungen beleuchten nicht nur die Verstrickung der Familie in Schwedens illegalen Waffenhandel, sondern decken auch eine tief vergrabene Familientragödie auf.

Die Erzählung von «The Samaritan Paradox» nimmt auf das biblische Gleichnis des barmherzigen Samariters Bezug, um moralische Verfehlungen gegenüber Gesellschaften sowie in der Eltern-Kind-Beziehung zu reflektieren. Spannenderweise werden diese Themen Schicht für Schicht aufgedeckt: Die Gesellschaftskritik und der Sozialaktivismus eines respektierten Schriftstellers erscheinen immer deutlicher als ein Helfersyndrom.

Zwei Erzählstränge
Dieses hat haarsträubende Ursachen und Folgen, welche zwei unterschiedliche Erzählstränge darstellen: einerseits die Aufklärungsarbeit in der realen Welt, die zu illegalen Waffengeschäften und dem Ablasshandel einer Kirche führt; andererseits die von Jonatan Bergwall geschriebene fantastisch-fiktive Geschichte von der Abenteurerin Freja, durch die begangenes Unrecht gebeichtet und gesühnt werden soll.

Diese beiden Ebenen – die realweltliche wie die fantastische – sind eng miteinander verwoben und werden vom Spieler abwechselnd gespielt, wobei die typische Adventure-Spielmechanik – Beobachten, Gespräche führen, Sammeln und Einsetzen von Gegenständen um Rätsel zu lösen – zum Zug kommt.

Unmotivierter Eindruck
«The Samaritan Paradox» ist ein technisch simples Indie-Abenteuerspiel, das mit seiner handgezeichneten gepixelten Retro-Grafik an die Adventures der 1990er Jahre erinnert. Die Musik und Sprachausgabe entsprechen heutigen Standards – der originale Soundtrack gefällt, die Synchronsprecher jedoch machen einen eher unmotivierten Eindruck.

Auch die deutsche Übersetzung ist nur mittelmässig, was teilweise für Verwirrung beim Verständnis von Aufgaben sorgt. Die Tagebucheinträge beschreiben Ords zentrale Einsichten, die aber ausser für die Gesprächsoptionen kaum konsultiert werden müssen.

Hingegen fehlt ein intuitives Hinweissystem, denn die Rätsel sind oft knifflig. Auch wenn einige der Rätsel und Ereignisse konstruiert und unglaubwürdig wirken, ist «The Samaritan Paradox» dennoch spielenswert. Denn es erörtert moralische Fragen und schwierige gesellschaftliche und familiäre Themen nicht nur in einer spannenden Detektiv-Erzählung, sondern auch vor dem Hintergrund vorgeschobener christlicher Ideale.


Angaben zum Spiel

The Samaritan Paradox (Screen 7/Faravid Interactive 2014)
Sprache: Englisch; deutsche, französische, italienische und spanische Untertitel
Offizielle Webseite mit Demo-Version: http://www.samaritanparadox.co.uk
Plattformen: Windows (XP/Vista/7/8), Linux (Debian 7)
Preis: €8,99 (Download-Version)
Keine offizielle Alterseinstufung; Empfehlung des Autors: Ab 14 Jahren


Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Webseite des Projekts: www.god-mode.ch