Türkisches Gericht lässt «Charlie Hebdo»-Seiten sperren

Die türkische Justiz geht gegen die neue Mohammed-Karikatur von «Charlie Hebdo» im Internet vor. Die Auslieferung der Zeitung «Chumhuriyet» kann das nicht verhindern. Sie druckte die Karikatur nicht in ihrer «Charlie Hebdo»-Beilage, versteckte sie aber im Blatt.

Cover-Ausschnitt der aktuellen «Charlie Hebdo»-Ausgabe. Es ist die erste Nummer nach dem Anschlag auf die Redaktion am 7. Januar 2015. (Bild: RP/dem)

Ein Gericht in der Türkei ordnete die Sperre von Internetseiten an, die das neue «Charlie Hebdo»-Titelbild mit einer Mohammed-Karikatur zeigen. Die Entscheidung sei auf Antrag eines Anwalts von einem Gericht in Diyarbakir im Südosten des muslimischen Landes getroffen worden, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwoch. Die Nachrichtenagentur DHA berichtete, der Anwalt habe damit das Erscheinen der Mohammed-Karikatur vom neuen «Charlie Hebdo»-Titel in der Türkei verhindern wollen. Zum Zeitpunkt des Gerichtsbeschlusses war die linksnationalistische Zeitung «Cumhuriyet» bereits mit einer gedruckten «Charlie Hebdo»-Beilage erschienen.

Zeitung «Cumhuriyet» überlistet Justiz

Das regierungskritische Blatt hatte in der vierseitigen Beilage am Mittwoch Auszüge der neuen «Charlie Hebdo»-Ausgabe gedruckt. Das Titelbild des Satiremagazins war allerdings nicht in dieser Beilage, sondern nur verkleinert auf zwei anderen Seiten in der Zeitung abgebildet. Online hatte «Cumhuriyet» die Karikatur nicht veröffentlicht, die einen weinenden Propheten Mohammed mit einem Schild «Je suis Charlie» zeigt. DHA berichtete weiter, das Gericht habe sich bei seinem Beschluss auf vier Internetseiten bezogen, die das «Charlie Hebdo»-Titelbild gezeigt hätten. Darunter ist auch das unabhängige Internetportal T24, dass die Karikatur mit türkischem Text abgebildet hatte. DHA berichtete, vor dem Redaktionsgebäude der «Cumhuriyet» seien drei Menschen festgenommen worden. Einer davon habe bei der Festnahme gerufen: «Du wirst meine Religion, meinen Propheten nicht angreifen.» Die Polizei hatte die Umgebung des Redaktionsgebäudes aus Angst vor Übergriffen abgeriegelt. «Cumhuriyet» berichtete online, die Polizei habe die Lastwagen mit den frisch gedruckten Zeitungen in Istanbul in der Nacht zu Mittwoch gestoppt. Nachdem die Polizei die Mohammed-Karikatur der «Charlie Hebdo»-Titelseite in der Beilage nicht gefunden hatte , habe die Staatsanwaltschaft die Auslieferung erlaubt. Die Karikatur fand sich als kleineres Bild in zwei Kommentarspalten in der Zeitung, aber ausserhalb der Beilage.

Kampf für Meinungsfreiheit

«Cumhuriyet» nannte die Beilage, die mit türkischen Texten erschien, «ein Beispiel der Solidarität». Auf der Titelseite schrieb das Blatt: «Wir wollen den Kampf der Meinungsfreiheit in der Welt unterstützen.» Chefredaktor Utku Cakirözer erklärte, man habe auf Religionsfreiheit ebenso wie auf religiöse Empfindlichkeiten geachtet. Die ultrakonservative Zeitung «Yeni Akit» kritisierte den Nachdruck als «grosse Provokation». (sda)