Say kündigte an, er werde den Entscheid vor dem Berufungsgerichtshof in Ankara anfechten, wie die Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Say wird vorgeworfen, mit Twitter-Mitteilungen die «religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung» herabgesetzt zu haben.
Der Pianist hatte unter anderem mit Blick auf die Koran-Beschreibung des Paradieses als Ort, an dem Bäche von Wein fliessen, die Frage gestellt: «Ist das Paradies denn eine Kneipe für euch? Ihr sagt, auf jeden Gläubigen warten zwei Jungfrauen – ist das Paradies denn ein Bordell?»
Seitdem hat Say mehrmals erklärt, er habe den Islam und gläubige Muslime nicht beleidigen wollen. Der Prozess gegen den Künstler hatte innerhalb und ausserhalb der Türkei Kritik an wachsenden Einschränkungen der Meinungsfreiheit ausgelöst.
Die Bewährungsstrafe gegen den Pianisten im ersten Verfahren wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben. Nun wurde dieses Urteil mit einer Bewährungsfrist von zwei Jahren bestätigt. Laut Medienberichten ist Say entschlossen, bei einer Bestätigung des Urteils durch das Berufungsgericht bis zum europäischen Menschenrechtsgericht in Strassburg zu gehen.
Say ist ein bekennender Atheist und ein bekannter Kritiker der religiös-konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. In einem Fernsehinterview im Dezember hatte Say der Erdogan-Partei AKP vorgeworfen, sie stehe hinter dem Prozess.