Pop-Gottesdienste

Pfarrer Petraccas Liebe zur Popmusik beschert ihm eine volle Kirche

Vincenzo Petracca bringt mit Pop-Gottesdiensten seine Heiliggeistkirche regelmässig voll. Der evangelische Pfarrer von Heidelberg sieht das als Chance, macht sich aber keine Illusionen über einen Mitgliederzuwachs.

Der evangelische Pfarrer Vincenzo Petracca füllt regelmässig die Heidelberger Heiliggeistkirche, so wie hier in der Aufnahme bei einem Taylor-Swift-Gottesdienst. (Bild: Uwe Anspach/ Keystone/DPA)

«Oh My God»: Unter diesem Motto – ein Song-Titel der britischen Sängerin Adele – füllte sich die Heidelberger Heiliggeistkirche kürzlich gleich zweimal hintereinander bis auf den letzten der 600 Plätze. Wie bei den Konzerten Adeles selbst, musste sich ein Ticket sichern, wer nicht draussen bleiben wollte. Songs wie «Skyfall» oder das titelgebende «Oh My God» wurden von einer vierköpfigen Liveband gespielt. Der Rahmen war ein Gottesdienst, in dem der evangelische Pfarrer Vincenzo Petracca seine Botschaft mit Geschichten rund um das Leben und die Texte der berühmten Sängerin illustrierte.

Nicht erst mit Adele, sondern schon mit zwei Taylor-Swift-Gottesdiensten war es Petracca und seinem Team gelungen, die grosse Stadtkirche zu füllen und einiges Medieninteresse auf sich zu ziehen. Von der überwältigenden Resonanz der Pop-Gottesdienste zeigt er sich selbst überrascht. «Mit Taylor Swift und Adele haben wir wohl den Zeitgeist getroffen», versucht er sich auf Anfrage von ref.ch den Erfolg zu erklären.

Kritische Auseinandersetzung möglich

Sein Konzept einer Kultur-Kirche, welche die christliche Botschaft mit Angeboten aus dem Bereich Pop, Tanz oder Theater kombiniert, erprobt er indessen schon seit einigen Jahren. Die Idee entstand aus der Einsicht heraus, dass sich die wenigsten Leute für Orgelmusik interessierten.

«So kam ich auf die Idee: Wieso nicht die populäre Musik, die die Leute in ihrer Freizeit hören, in den Gottesdienst holen?» Nach einer Reihe von musikalischen Gottesdiensten zu historischen Pop-Grössen wie Leonard Cohen oder Michael Jackson waren es nun aber die Anlässe zu den jungen Superstars unserer Zeit, die so richtig durch die Decke gingen.

Die Karrieren und Lebensstile der Sängerinnen, deren gepfefferte Ticketpreise für viele Fans unerschwinglich sind, kann man auch kritisch sehen. Vereinzelt gab es auch grundsätzliche Kritik an den Pop-Gottesdiensten. «Zum ersten Beatles-Gottesdienst gab es einen Leserbrief in der Regionalpresse, der diese Art Gottesdienst grundsätzlich ablehnte. Eine Frau, die im Beatles-Gottesdienst war und völlig davon begeistert war, schrieb daraufhin einen Gegenleserbrief.» 

Die problematischen Aspekte der Popkultur greift Petracca in den Gottesdiensten durchaus auf. Doch von Adele spricht der Pfarrer mit spürbarer Begeisterung. Sie besinge immer wieder die Liebe, und damit das wichtigste christliche Konzept. Und wenn sie in «Oh My God» wohl auch ein Wortspiel mit dem Gottesanruf treibe, so dürfe das Gebet am Schluss des Songs durchaus als authentisch verstanden werden. «Ein Bittgebet an Gott, das ist in der Popmusik doch sehr selten», sagt Petracca.

Ungewöhnliche Stille in vollbesetzter Kirche

Die Songs von Adele boten jedenfalls reichlichen Stoff für einen Gottesdienst, ohne dass sich der Pfarrer oder die Kirche hätten verbiegen müssen. Die Kirche gebe sich nicht bloss als Veranstaltungsort für Fan-Feiern her, sondern bleibe ihrem Auftrag treu. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Fan-Kult, der vor allem bei den «Swifties» enorme Ausmasse annimmt, nicht an der Kirche und ihren Werten vorbeizielt. Denn manche Besucher hatten ganz unverblümt erklärt, sie seien einzig wegen ihrem Idol da.

Ein wichtiger Kritikpunkt, sagt Petracca. Viele Leute seien gewiss wegen Swift oder Adele gekommen und würden nun nicht zu regulären Kirchgängern. Dennoch, «sie haben ihren Fuss über die Schwelle in die Kirche gesetzt». Für manche Leute bedeute das, Vorbehalte und Berührungsängste zu überwinden. Und für den Pfarrer bedeutet es, eine Chance zu erhalten, Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen. «Im theologischen Jargon reden wir von der missionarischen Gelegenheit.»

Das Erreichen der Menschen im Gottesdienst steht denn auch im Zentrum seiner Antwort auf die Frage, was für ihn persönlich das Schönste an den Pop-Gottesdiensten sei. «Als nach all der Aufregung und des Hypes im Vorfeld bei den ersten Musikklängen des Taylor Swift-Gottesdienstes die gesamte Nervosität von mir abfiel und eine tiefe Ruhe in mir einkehrte. Hinzu kam die ungewöhnliche Stille in der ausgebuchten Kirche, mit der man mir aufmerksam zuhörte. Da spürte ich, der Funke ist übergesprungen.»

Musikalischer Spezialanlass

Ein Pfarrer als DJ

Geboren in Süditalien, wuchs Vincenzo Petracca in Schwäbisch Hall auf. Nach Abschluss eines Mathematikstudiums verspürte er die Berufung zum Pfarramt und absolvierte ein Theologiestudium inklusive Doktorat. Nach einer Anstellung in Mannheim wurde er 2015 Pfarrer der Heidelberger Altstadtkirche.

Sein Ansatz ist: Die Kirche soll zu den Menschen gehen und ihre Lebensthemen aufgreifen. Entsprechend feiert er Pop-, Tanz-, Theater- oder auch Kneipen-Gottesdienste. Petracca engagiert sich ausserdem als «DJ Pfarrer» und bespielt einen Instagram-Account (@dj_pfarrer). (red)

Wie nachhaltig ein Adele-Gottesdienst sei, sei schwer zu messen. Petracca macht sich nicht die Illusion, dass die Hundertschaften der Pop-Gottesdienste an einem gewöhnlichen Sonntag im Gottesdienst auftauchen werden. Die Kultur-Kirchen-Gottesdienste seien punktuelle Spezialanlässe, vergleichbar mit Heiligabend, an dem auch viele Menschen in die Kirche gingen, die sonst keine Kirchgänger seien.

Doch Petracca hat eine Reihe von individuellen Rückmeldungen erhalten, die ihm zeigen, dass seine Bemühungen einen Unterschied machen. Tatsächlich gab es infolge des Pop-Gottesdienstes einen Wiedereintritt in die Kirche. Und ein junges Paar, das keine kirchliche Trauung geplant hatte, entschied sich, dies nun doch nachzuholen.

Es sind Einzelbeispiele, doch sie belegen, dass die Kirche auch mit zeitgeistigen, popkulturellen Mitteln auf die Menschen zugehen kann, ohne sich zu verraten. So spricht der Initiator der Pop-Gottesdienste, der mitunter auch als DJ unterwegs ist, auf die Frage hin, was ihn antreibe, umstandslos von seiner Kernaufgabe als Pfarrer. «Es ist meine Überzeugung, dass das Christentum eine gute Antwort auf die grossen Fragen hat, welche alle Menschen umtreiben. Und es ist mein Wunsch, möglichst viele damit zu erreichen.»

Nach den Erfolgen dieses Jahres scheint festzustehen, dass Petracca und sein Team weitere Pop-Stars unserer Zeit ins Programm nehmen werden. «Wir werden im März den nächsten Pop-Gottesdienst machen und im Herbst einen zweiten. Die Musikerin oder Band steht aber noch nicht fest. Im Gespräch sind Beyoncé, Harry Styles oder vielleicht auch eine ‹Taylor Swift 2›.»