«Spore» – Schöpfer spielen

Intelligentes Design: Im Strategiespiel «Spore» gestalten die Spieler die Evolution vom Einzeller bis zur raumfahrenden Zivilisation. Experimentieren erwünscht.


Ein Meteor stürzt in den Ur-Ozean des jungen Planeten und setzt einen Einzeller frei – und los geht’s mit der ersten Phase der Evolution. Der Spieler steuert den Einzeller durch den Ur-Tümpel, sucht Nahrung und sammelt dadurch «DNA-Punkte». Sind genügend Punkte vorhanden, darf sich das Tierchen paaren und weiterentwickeln – im «Evolutions-Designer» lassen sich der Kreatur nach Belieben neue Farben, Muster sowie Körperteile zur besseren Fortbewegung, Kommunikation und Kampf verpassen. Ist der Entwicklungsbalken voll, geht das Geschöpf an Land und damit in die nächste Evolutionsphase.

Jede der insgesamt fünf Phasen hat ihre eigene Spielmechanik sowie Aufgaben, die kämpferisch oder durch soziales Verhalten gelöst werden: In der zweiten Phase erkundet die Kreatur das Land, erobert oder bezirzt andere Spezies und entwickelt neue körperliche Fähigkeiten. In der Stammesphase wird statt des Körpers die Bekleidung mit vorteilhaften Artefakten ausgestattet. Arbeiten wie Nahrungssuche, Heilen oder Kriegsführung werden unter den Stammesmitgliedern aufgeteilt. In der Zivilisationsphase wird um Rohstoffe verhandelt oder gekämpft und Vehikel gebaut. Die Weltraumphase schliesslich sieht den Bau von Raumschiffen und die Erkundung oder Eroberung anderer Planeten vor.

Selbst ist der intelligente Designer
«Spore» lässt sich als Standpunkt in der Debatte zwischen Evolutionisten und christlichen Kreationisten verstehen: Einerseits unterstützt es die Theorien des Lebens aus dem All sowie der Evolution. Andererseits integriert es, wie die Kreationisten glauben, einen intelligenten Designer des Lebens – nämlich den Spieler. Allerdings gestaltet dieser nur eine einzige Spezies, während die anderen vom Programm oder durch andere Spieler erzeugt wurden – «Spore» ist somit eher ein polytheistisches «Intelligent Design». Näher am biblischen Designer sind die späteren Zivilisationsphasen, wo die Spieler nicht nur ein einzelnes Geschöpf, sondern ein «auserwähltes Volk» führen, dabei aber nicht mehr Lebensgestalter, sondern Kulturdesigner sind.

Und wie haben es die «Spore»-Geschöpfe mit der Religion? Die Stammesphase zeigt eine schamanisch geprägte Gesellschaft, deren Mitglieder mit Masken, Hüten, und anderem funktionalem Schmuck sowie mit Maracas, Hörnern und Didgeridoos Heilung und sozial relevante «Bewusstseinsveränderungen» herbeiführen. Wenn Religion auch auf die Stammesphase begrenzt ist, wird sie in «Spore» als zwangsläufiger Bestandteil der Evolution gezeigt – weshalb das Spiel von manchen Atheisten kritisiert wurde.

Niedlich
«Spore» ist eine niedlich gestaltete Evolutionssimulation mit hübscher Grafik. Kernstück ist der technisch tadellose Kreatur-Designer, der für viel spassiges Experimentieren sorgt. Denn die Design-Entscheidungen lassen nicht nur ulkige Kreaturen entstehen, sondern haben glaubwürdige Auswirkungen auf die taktische Spielweise. Gleichzeitig ist «Spore» überambitioniert: Es will nicht ein Spiel, sondern fünf Spiele sein. Besondere Tiefe kann daher nicht erwartet werden. In den späteren Phasen zum Beispiel nähert sich das Spiel der Echtzeitstrategie an, ohne jedoch eine vernünftige Kamera- oder Einheiten-Steuerung zu bieten. Ausserdem fehlt eine Erzählung, die die einzelnen Phasen sinnvoll verbindet und für Langzeitmotivation sorgt. Als innovativer Evolutions-Designer und – mit optionaler Internetverbindung – als soziales Netzwerk sorgt «Spore» jedoch für viele Stunden Spielspass.


Angaben zum Spiel
Spore (Maxis/Electronic Arts 2008). Plattformen: Windows XP/Vista/7; Mac OS X 10.5.3. oder höher. Preis: 16.90 (PC-Ladenversion, normale Ausgabe). PEGI-Alterseinstufung: Ab 12 Jahren.


Über den Autor 
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts«Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.



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