Rom, 2010: Der ehemalige Chicagoer Priester James Murphy macht Ferien in Rom und will bei dieser Gelegenheit seinen Freund, den Priester Christoforo treffen. Bevor das Treffen stattfinden kann, wird Christoforo bewusstlos ins Spital eingeliefert. Murphy glaubt nicht an einen Unfall und findet in den persönlichen Gegenständen seines Freundes Hinweise auf Geldwäscherei, in die hochrangige Vertreter des Vatikans verwickelt sind. Er beginnt, eigene Ermittlungen aufzunehmen.
Wie Cluedo im Vatikan
Die Spielenden steuern Murphy per klassisches point-and-click mit der Maus. Durch Beobachtung der Szenerie und Kombination von Gegenständen werden Rätsel gelöst. Die Geschichte wird in Zwischensequenzen im Comic-Stil weiterentwickelt.Aufgelockert wird dies durch Recherche-Arbeiten am virtuellen Laptop, sowie die Verfolgung eines Wagens aus der Vogelperspektive. Verglichen mit den kirchenkritischen Mystery- und Verschwörungs-Thriller à la Dan Browns «Sakrileg» orientieren sich die italienischen Entwickler stärker an realen und rezenten Skandalen um den Vatikan: Die Erzählung von «Shadows on the Vatican» dreht sich um die Aufklärung von dubiosen Finanzgeschäften der Vatikanischen Bank, die von einer kriminellen Führungselite der katholischen Kirche begangen wurden. Inszeniert wurden diese Ereignisse frei nach dem Beststeller «Im Namen Gottes» von David Yallop. Spannend, wenn auch etwas stereotyp, sind die Charaktere im Spiel, die ihre je eigene Balance zwischen weltlichem und katholischem Leben pflegen: Für den redseligen und gut vernetzten Barkeeper ist Fussball die einzige Religion; die gläubige Mamma bittet Gott um eine gute Partie für ihre Tochter; die autoritätsgläubige Nonne greift gerne mal zur Flasche. Die Hauptcharaktere werden bei erstmaligem Auftreten kurz porträtiert. Dies verleiht den Charakteren Persönlichkeit und dem Spiel den Hauch eines Dokumentarwerkes. In der Persönlichkeit des Protagonisten etwa, dem Ex-Priester und Arzt James Murphy, verbindet sich eine tiefe Religiosität für das Leben, die Menschen und die Gerechtigkeit mit einer harschen Kritik an kirchlichen Institutionen.
Entwicklungspotential
Leider wirken sich die interessanten Profile der Charaktere kaum auf ihr Verhalten und ihre Konversationen aus. Dies ist bezeichnend für das ganze Spiel: «Shadows on the Vatican» ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Abenteuerspiel, wirkt jedoch an manchen Stellen unausgereift: Roms Szenerie präsentiert sich zwar in hoher Auflösung und mit stimmiger Geräuschkulisse, aber auch ziemlich steril und mit mühselig langen Ladezeiten. Die Rätsel sind logisch, fordern jedoch nicht wirklich. Für den grössten Frust sorgt die als Minispiel inszenierte und nur auf gut Glück funktionierende Verfolgungsjagd. Dafür bietet «Shadows on the Vatican» ein für Computerspiele unverbrauchtes Thema, welches in einer spannenden Erzählung umgesetzt wird. Vieles wird allerdings erst angedeutet, und es bleibt abzuwarten, wie die Geschichte sich in den weiteren Akten entwickelt.
Angaben zum Spiel:
Shadows on the Vatican – Act I: Greed (Adventure Productions / 10th Art Studio 2011). Plattformen: Windows XP/Vista/7. Sprachen: Italienisch / Englisch. Offizielle Webseite: http://www.shadowsonthevatican.com/. Preis: 5.80 EUR (Download-Version; Gratis-Demo exklusiv im Zodiac-Store. Voraussetzung ist ein Zodiac-Konto: http://www.zodiac-store.com/). Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts«Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
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