Krieg in der Ukraine

Selenskyj: «Russland setzt den Hunger als Waffe ein»

Millionen Tonnen an Lebensmitteln konnten trotz des Krieges im vergangenen Jahr aus der Ukraine exportiert werden – auch für die Hilfe in Ländern wie Somalia. Nun hat Russland das Abkommen zur Ausfuhr der landwirtschaftlichen Güter gestoppt.

Dank eines Abkommens waren Lebensmittelexporte aus der Ukraine auch während des Kriegs möglich. Nun ist die Zukunft der Exporte ungewiss. (Bild: Igor Tkachenko/ Keystone)

Von der Getreideproduktion in der Ukraine sind Millionen von Menschen abhängig. Dank der Schwarzmeer-Getreide-Initiative konnten trotz des Krieges Frachtschiffe Lebensmittel aus der Ukraine auf dem Seeweg ausführen. Im Gegenzug durfte Russland Dünger und Lebensmittel über das Schwarze Meer exportieren. Doch der Kreml hat die Vereinbarung aufgekündigt. Denn: Teile des Abkommens, die Russland betreffen, seien nicht erfüllt worden. International sorgte die Entscheidung für Kritik.

UN-Generalsekretär António Guterres warnte, der Entscheid Russlands werde bedürftige Menschen überall treffen. Die Initiative habe dazu beigetragen, die Lebensmittelpreise seit März 2022 um mehr als 23 Prozent zu senken.

Nach UN-Angaben wurden seit Inkrafttreten des Abkommens mehr als 32 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Güter exportiert. Auch das UN-Welternährungsprogramm konnte mit Weizen aus der Ukraine Länder wie Afghanistan, Äthiopien oder Somalia unterstützen. Die Entwicklungsorganisation Oxfam warnte vor einer Verschärfung der weltweiten Hungerkrise.

Ernährungsunsicherheit steigt

Das Ende der Vereinbarung werde sich direkt auf die Preise auswirken, sagte Martin Frick, Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP) im Deutschlandfunk. Es treffe jene Menschen am härtesten, die ohnehin schon einen Grossteil ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel ausgeben müssten.

Für 345 Millionen Menschen weltweit sei die Ernährung extrem unsicher, sagte Frick. Die Zahlen würden nun weiter steigen. Eine «Hauptschlagader des globalen Lebensmittelexports» werde unterbrochen.

Ukraine will ohne Russland weitermachen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte auf Twitter auf die Anschuldigungen. Es sei ein weiterer Versuch Russlands, den Hunger als Waffe zu verwenden und den globalen Lebensmittelmarkt zu destabilisieren, schrieb er. 400 Millionen Menschen in verschiedenen Ländern seien von den ukrainischen Lebensmittelexporten abhängig. Das Abkommen müsse bewahrt werden.

In einem vorangegangenen Tweet hatte er die Absicht geäussert, die Lebensmittelexporte auch ohne das Abkommen weiterzuführen: Die Ukraine könne zusammen mit der UN und der Türkei die Fahrten auf dem Seekorridor sicherstellen.

Russland und die Ukraine zählten vor dem Krieg zu den weltweit größten Getreideexporteuren. Viele Länder in Nord- und Ostafrika waren von Lieferungen aus den beiden Ländern abhängig. Die globalen Lebensmittelpreise stiegen nach Beginn der russischen Invasion stark an.

Laut den UN hungern weltweit etwa 735 Millionen Menschen, deutlich mehr als noch vor vier Jahren. Die Ukraine und Russland hatten sich im Juli 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei auf die Initiative geeinigt. (epd/ dst)