Der Sonderling Geron ist Lehrling des Vogelfängers Gwinnling. Aus Geltungsdrang gibt er sich kindlichen Spielen um Ruhm um Ehre hin. Sein Mentor entdeckt derweil Vorboten eines nahenden Unheils, das von einem machtlüsternen Seher ausgeht. Als Gwinnling durch die Schergen des Sehers ums Leben kommt, versucht Geron, dessen Werk fortzuführen und die Katastrophe für Land und Leute abzuwenden. Die Spielenden begeben sich mit ihm und der kindlichen Fee Nuri auf eine lange und gefährliche Reise durch die Fantasiewelt Aventurien und rätseln sich dabei durch detailverliebte handgezeichnete Landschaften und Städte.
Sagenhafte Völker und heldenhafte Taten
«Satinavs Ketten» basiert auf dem deutschen Rollenspiel «Das Schwarze Auge» (DSA) aus den 1980er Jahren. Dessen Kontinent Aventurien ist eine detaillierte Welt mit eigener Geschichte, Klimazonen, Geografie, Flora, Fauna, sowie sagenhaften Völkern und ihren Kulturen und Religionen. In Aventurien praktizieren die Menschen einen Zwölfgötterglauben, dessen Götter dem altgriechischen und römischen Pantheon ähneln. Die Religionen anderer Rassen haben animistischen, schamanischen oder philosophischen Charakter. Auch in «Satinavs Ketten» ist Religion allgegenwärtig. Doch was Geron antreibt sind nicht die Tempel in Andergast, die ihm keinen Zutritt gewähren; nicht die Rituale der Orks, die er aus Eigennutz manipuliert; nicht die Götter, die er nur in verzweifelten Situationen anruft. Es ist der Mythos von Gigant Satinav, der Macht über die Zeit erlangen wollte und dafür von Hauptgott Los an das Schiff der Zeit gekettet wurde. Geron will sein Schicksal selbst gestalten, ohne die kosmische Ordnung zu brechen, wie es wie es sein selbstsüchtiger Gegenspieler tut, um den Göttern die Unsterblichkeit zu entreissen. Religionen und Mythen sind in der Geschichte Ausdrucksform und Orientierungspunkte einer tiefenpsychologisch inspirierten Transformation, im Zuge derer Geron sich der eigenen Vergangenheit und den eigenen Ängsten stellen muss, um der Zukunft und seiner Aufgabe gewachsen zu sein.
Für Rätsel- und Fantasy-Freunde
In «Satinavs Ketten» tauchen die Spieler in eine atmosphärisch dichte Erzählung mit abgedrehten Schauplätzen, profilierten Charakteren, orchestraler Begleitung und hübschen Zwischensequenzen ein. Das eher düstere Thema wird durch den humorvollen Wortwechsel zwischen Geron und Nuri aufgelockert. Leider gaukeln die Antwortoptionen spielerische Freiheit vor, die es nicht gibt. Die Rätsel sind meist nachvollziehbar, manche erfordern aber freies Assoziieren – schade, dass das Spiel auch auf dem leichteren Schwierigkeitsgrad kaum Hilfestellung bietet. Für originelle Abwechslung sorgt Gerons Fähigkeit, Dinge zerbersten zu lassen, während Nuri zerbrochene Gegenstände reparieren kann. Insgesamt beweist «Satinavs Ketten», dass DSA auch als Abenteuerspiel funktioniert. Ein Vorverständnis von Aventuriens Welt ist jedoch keine Voraussetzung – nicht nur für DSA-Fans, sondern für alle Rätsel- und Fantasy-Freunde ist das Spiel mehr als einen Blick wert.
Angaben zum Spiel
Das Schwarze Auge: Satinavs Ketten (Daedalic/Deep Silver 2012). Plattformen: Windows (XP/Vista/7). Offizielle Webseite: http://www.satinavs-ketten.de/. Preis: ca. 7 Euro (PC-Ladenversion, normale Ausgabe). PEGI-Alterseinstufung: Ab 16 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
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