Der angesehene Mailänder «Corriere della Sera» nannte den Aufruf des Papstes zu einer barmherzigen Kirche, die sich um «soziale Wunden» kümmert, am 20. September revolutionär. Auch andere führende Zeitung hoben die Äusserungen des Papstes auf die Titelseite, sprachen von einer «Umarmung» und «zivilem Mut» des Kirchenführers.
«Das geht nicht», kritisierte Franziskus in einem am 19. September veröffentlichten Interview eine Kirche, die sich auf bestimmte kritische Fragen konzentriert. Seine Kirche solle vielmehr ein «neues Gleichgewicht» für ihre zahlreichen Lehren finden und helfen, die Wunden der Menschen zu heilen.
Die Ansichten der Kirche in den Fragen (wie etwa Abtreibung) seien dabei durchaus bekannt, so Franziskus. «Aber man muss nicht endlos davon sprechen», kritisierte das Kirchenoberhaupt. Ihm sei auch bereits vorgeworfen worden, nicht viel «über diese Sachen» zu reden. Wenn man aber darüber spreche, «dann muss man den Kontext beachten.» Die dogmatischen wie moralischen Lehren der Kirche seien jedenfalls nicht alle gleichwertig, «eine missionarische Verkündigung konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige».
«Die Kirche will das nicht»
Franziskus erinnerte auch daran, was er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro über Homosexuelle gesagt hatte: «Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt.» Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die «soziale Wunden» enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. «Aber das will die Kirche nicht», bekräftigte der Papst.