Nur gerade 80 von 196 untersuchten Ländern halten das Recht auf Religionsfreiheit ein. Umso länger ist die Liste der Länder, in denen dieses Grundrecht verletzt wird. Die Bilanz sei «alarmierend», sagte Jan Probst, Geschäftsführer von Kirche in Not/Schweiz, am Dienstag, 4. November, anlässlich einer Präsentation des Berichts in der Wasserkirche in Zürich. Alle zwei Jahre veröffentlicht das Hilfswerk einen Bericht zur Religionsfreiheit. Die Dokumentation beschreibt für jedes Land einzeln die Rechtslage und die Situation der verschiedenen Religionsgemeinschaften und religiösen Minderheiten. Minutiös werden die Ereignisse oder Umstände dokumentiert, die eine Verletzung der Religionsfreiheit belegen.
Religionsfreiheit von fünf Milliarden Menschen gefährdet
Dieses Jahr erscheint der von Spezialisten verfasste Bericht zum achten Mal. Die Dokumentation soll einen Beitrag dazu leisten, dass die Verletzungen der Religionsfreiheit nicht vergessen werden, sagte Probst an der von rund 60 Personen besuchten Veranstaltung. Der Geschäftsführer von Kirche in Not bezeichnete die Bilanz des neuen Berichts als «alarmierend». «Wenn man die Einhaltung der Religionsfreiheit untersucht, könnte man an der Universalität dieses Grundrechts zweifeln», sagte denn auch Roberto Simona, Research Manager für Islam und christliche Minderheiten und Mitglied des internationalen Redaktionsteams. Das Grundrecht auf Religionsfreiheit sei bei weltweit fünf Milliarden Menschen potentiell oder real gefährdet, stellte Simona mit Verweis auf Zahlen des US-amerikanischen Pew Research Center fest.
In den vergangenen zwei Jahren hätten Experten von Kirche in Not Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten erfasst, die «in diesem Ausmass und in dieser Intensität bisher noch nicht festgehalten worden waren», heisst es in der Einleitung zum Bericht. Zwischen Oktober 2012 und Juni 2014 habe sich die Situation «fast nur verschlechtert».
Grundrecht in 60 Prozent der Länder bedroht
Von 196 untersuchten Ländern gewährleisten nach Angaben des Hilfswerks lediglich 80 das Recht auf Religionsfreiheit. Das Grundrecht ist somit in rund 60 Prozent aller Länder bedroht. 34 Länder weisen moderate Einschränkungen der Religionsfreiheit auf, ohne dass sich die Lage verschlimmert. Dazu gehöre etwa Bosnien-Herzegowina. In 82 Ländern verzeichnet der Bericht jedoch schwerwiegende Verletzungen der Religionsfreiheit. Und in 55 Ländern verschlechtere sich die Lage, etwa im Irak, in Syrien, der Ukraine oder in Nigeria. Nur in wenigen Ländern ist eine positive Entwicklung erkennbar.
Musterknabe Lateinamerika
Auf der Verfolgungskarte 2014 sieht man, in welchen Kontinenten und Ländern es um die Religionsfreiheit besonders schlecht bestellt ist. In Europa, Nordamerika und Australien wird das Grundrecht nicht hinterfragt, obschon einige Fälle von religiöser Intoleranz registriert wurden, heisst es in der Einleitung weiter. Lateinamerika scheine in Bezug auf den Respekt der Religionsfreiheit am besten voranzukommen; sogar in Kuba seien «konkrete Schritte zur Öffnung gegenüber Christen» erkennbar.
In Afrika, einst ein «Beispiel für Toleranz und religiöse Offenheit», habe sich eine bereits im Bericht 2012 feststellbare negative Entwicklung verstärkt. Dies zeige sich insbesondere in Nigeria, Mali oder Somalia. In allen drei Ländern sind islamistische Fundamentalisten aktiv.
Prekäre Situation in Asien und im Mittleren Osten
Asien ist laut dem Bericht der Kontinent mit den meisten Verletzungen der Religionsfreiheit. Betroffen davon sind etwa China, Vietnam, Sri Lanka, aber auch einige indische Provinzen. Violett eingefärbt und damit Regionen, in denen die Religionsfreiheit besonders stark missachtet wird, sind auch zahlreiche Länder im Mittleren Osten. In Bezug auf Syrien und den Irak fragt das Hilfswerk unter Verweis auf die «jüngsten Ereignisse»: «Erleben wir gar eine Form von religiöser Säuberung?» Klar sei, dass hier «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» vorliegen und religiöse Minderheiten bevorzugte Opfer geworden seien. Der Irak sei ein Musterbeispiel dafür, «dass sich ein Staat, eine Nation oder eine Gesellschaft ausschliesslich durch Respekt gegenüber unterschiedlichen Ethnien, Nationalitäten und religiösen Strömungen weiterentwickeln kann.» (kipa)