«Memento Mori» – christliche Sterbekunst in ein Game gepackt

Solide Abenteuerkost rund ums Sterben: «Memento Mori» thematisiert die christliche «Ars moriendi». Das ist bisher einzigartig für ein Game – und leider in der Umsetzung flach.


Interpol-Agentin und Kunstexpertin Lara Svetlana und der ehemalige Kunstfälscher Max Durand werden mit einem rätselhaften Fall betraut: Im St. Petersburger Kunstmuseum «Eremitage» wurde eingebrochen, aber offenbar nichts entwendet. Die beiden finden schnell heraus, dass Gemälde gegen Kopien ausgetauscht wurden – aber auch, dass mehr als ein gewöhnlicher Kunstraub dahinter steckt. Im klassischen Point-and-Click-Stil steuern die Spielenden abwechselnd Lara und Max quer durch Schauplätze in Frankreich, Portugal, Schottland, Russland und Finnland. Durch das sukzessive Lösen von Rätseln kommen sie allmählich einem finnischen Mönchsorden auf die Spur, der seit Jahrhunderten die Öffentlichkeit vor Gemälden zu schützen versucht.

Christliche Sterbekunst wirkt im Game flach
Diese Gemälde, so stellt sich heraus, zeigen den Todesengel, den die Künstler in Zuständen der Todesnähe gesehen und festgehalten haben. Das Sehen des dargestellten Engels führe unglücklicherweise zum Ableben der Betrachter. Um dies zu verhindern werden die Mönche über alle weltlichen Gesetze hinweg aktiv. In ihrem Tun beziehen sie sich ausdrücklich auf die spätmittelalterliche Erbauungsliteratur namens Ars Moriendi (lat. «Kunst des Sterbens»). Das hat einen historischen Hintergrund: Um einem unvorbereiteten Tod zu entgehen, zirkulierten im von Krieg, Hunger und Pest bedrohten Europa der Renaissance mehrere Sterbebücher, die für die Leseunkundigen auch als Bildserie im Holzschnittdruck angefertigt wurden. Diese zeigen fünf Versuchungen in der Todesstunde – die Versuchung durch mangelnden Glauben, Verzweiflung, Ungeduld, Hochmut und zeitliche Güter – sowie fünf Rezepte dagegen, die anhand von Beispielen wie Jesus, den Aposteln und mehreren Heiligen ermutigen und Zuversicht, Geduld, Demut und die Abwendung vom Irdischen vermitteln. «Memento Mori» setzt diese Versuchungen und Rezepte als Hinweise und Code zum Öffnen einer Geheimtür um. Die Umsetzung der christlichen Sterbekunst für Games bisher einzigartig. Schade, dass sie in «Memento Mori» sehr flach wirkt. Verheissungsvolle Gespräche mit dem Abt des finnischen Klosters geben keine Tiefe her, der Glaube und die Motive der Mönche bleiben letztlich ein Mysterium und erscheinen nur in Bezug auf den «Todesengel» rational, welcher der spannenden Story einen unnötigen Schuss Übernatürlichkeit verleiht.

Mit Routine in weniger als zehn Stunden zu lösen
Ansonsten ist «Memento Mori» ein solides Abenteuerspiel und ein spannender Mystery-Krimi à la «Da Vinci Code». Die gelungene Atmosphäre verdankt sich einerseits der glaubwürdigen, stets nach rationalen Erklärungen suchenden Protagonisten und der gut recherchierten Kunstgeschichte, andererseits der weichen und gut ausgeleuchteten 3D-Grafik und der düsterschönen Musik. Ein Auge muss bei den kantigen und langatmigen Animationen sowie bei den wie Valium wirkenden Sprecher zugedrückt werden. Die stets logischen Rätsel sind mit vielen Hinweisen versehen, die Hotspot-Anzeige erleichtert das Auffinden wichtiger Gegenstände. Für routinierte Abenteuerspielende ist das Spiel simpel und in weniger als zehn Stunden zu lösen. Immerhin bietet es einen gewissen Wiederspielwert: Gut versteckte Schlüsselszenen führen je nach Verhalten zu mehreren verschiedenen Enden.


Angaben zum Spiel
Memento Mori (Centauri Production/dtp 2008)
Plattformen: Windows (ab XP); Mac (ab OS X v10.7 Lion); Linux (ab glibc 2.11)
Preis: ca. 10 € (PC-Downloadversion)
PEGI-Alterseinstufung: Ab 16 Jahren.


Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Webseite des Projekts: www.god-mode.ch