ARD-Reportage: Schön, aber zahm

In der ersten Folge der dreiteiligen Reihe «Was glaubt Deutschland» geht es um den Himmel, das Paradies, das Nirwana. Reporter Steffen König begibt sich dabei auf eine Spurensuche quer durch Deutschland. Leider verpasst er es, die wirklich schmerzhaften Fragen zu stellen. Eine Medienkritik.

Ob es ironisch gemeint ist? Oder was mag der Grund dafür sein, dass ARD eine Reportage, die 66 Prozent der  Fernsehzuschauer –  denn so viele bekennen sich in Deutschland zu einer der Welt­­religionen – interessieren könnte, nachts um 23.30 Uhr ausstrahlt? Vielleicht war die späte Sendezeit ja als Glaubens­probe gedacht. Denn um den Glauben geht es in der dreiteiligen Reportage «Was glaubt Deutschland?», deren erster Teil nun zu sehen war.
Der Reporter Steffen König gehört zu jenen rund 30 Prozent der Bevölkerung, die entweder konfessionslos oder vom Glauben abgekommen sind – und dennoch offene Fragen haben. Seine brennendste Frage ist die nach dem Jenseits. Mit ihr begibt er sich auf eine Reise durch Deutschland und befragt Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Atheisten. Nicht nur aus Neugier, sondern weil er den Religionen «eine neue Chance» geben will. Gleich vorweg: Die Frage, ob die Religionen eine neue Chance verdienen, bleibt offen. So richtig überzeugt ist König von keinem der Glaubensangebote. Das mag aber auch an seinem naiven Anspruch liegen, die Religion zu finden, «die am besten zu mir passt». Ob man so leicht zum Glauben kommt?

Werbung für den Glauben

Die Idee der Sendung, die Religionen einmal in aller Naivität nach ihrem Sinn zu befragen, ist zwar gut gemeint. Königs Kinderstuben-Plauderton  ist aber eher nervig. Lieber hört man den Befragten zu. Es handelt sich durchwegs um offene, tolerante und sympathische Vertreter ihres Glaubens. Der Katholik hält nichts von einem strafenden Buchhalter-Gott, der Muslim lächelt über die Vorstellung der 72 Jungfrauen, und der Buddhist sieht ohnehin alles mit Gelassenheit. Das ist schön, denkt man sich. Werbung für den Glauben. Ein Hoffnungszeichen für ein friedliches Nebeneinander der Religionen.
Ob dieser Eindruck auch die Wirklichkeit widerspiegelt? Schwer zu sagen. Man kann diese Sendung so stehenlassen. Man könnte sich aber auch darüber ärgern, dass der Reporter mit seinen Fragen nie an den Punkt kommt, an dem es schmerzt. Denn dass es auch weniger aufgeschlossene Gläubige gibt, er­fahren wir täglich.

 

ARD Reportage, «Was glaubt Deutschland?» Teil 1
Sendung vom 17. August 2015

 

Diese Medienkritik erschien erstmalig am 28. August 2015 in der «Reformierten Presse».