Kirchenvertreter: Umsturz in Ägypten war nicht anti-islamisch

Der Umsturz in Ägypten ist nach Einschätzung des deutschen Theologen Frank van der Velden in Kairo «keine Kampfansage gegen islamische Werte». Die Bevölkerung und das Militär hätten Mohamed Mursi nicht «abgesetzt, weil er islamische Werte vertritt - deswegen wurde er gewählt -, sondern weil er die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes nicht angepackt hat», sagte van der Velden, Mitarbeiter der deutschen katholischen Gemeinde in Kairo.


Mit den Protesten habe eine Politik Schiffbruch erlitten, die Probleme aus einer islamistischen Geisteshaltung heraus habe lösen wollen, sagte van der Velden am 4. Juli der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Für die Übergangsregierung gehe es darum, ein «Kompetenzteam» aufzustellen. Diesem könnten «auch Muslimbrüder, zur Not auch Salafisten» angehören. Van der Velden verwies darauf, dass sich an den jüngsten Protesten auch fromme Muslime und verschleierte Frauen betreiligten. «Die Leute wollen, dass das Land vorankommt, nicht, dass man über kulturelle und religiöse Fragen diskutiert.

Der Leiter der deutschen katholischen Gemeinde im Nahen Osten, Joachim Schroedel, nannte es ein gutes Zeichen, dass der Verteidigungsminister bei seiner Rede zur Entmachtung Mursis vom sunnitischen Grossscheich Al-Tayyeb und dem koptischen Patriarchen flankiert war. «Das war ein deutliches Signal: Ägypten gehört zusammen, und es besteht aus Muslimen und Christen», sagte Schroedel. Muslime und Christen seien in den Kundgebungen zusammengerückt. Das Militär habe nur «umgesetzt, was das Volk wollte».

Im Blick auf eine künftige politische Rolle der nicht-muslimischen Minderheiten in Ägypten sagte Schroedel, christliche Amtsträger würden sich «nicht in vorderster Linie beteiligen». Auch der Patriarch wolle «keine Politik betreiben». Schroedel äusserte aber die Erwartung, dass an einem neuen Verfassungsprozess auch christliche Laien teilnähmen.

Die angekündigten Neuwahlen sieht Schroedel positiv. Laut Umfragen lehnten mittlerweile etwa zwei Drittel der Ägypter eine religiöse Regierung der Muslimbrüder ab. Die Präsidentschaft Mursis habe den Muslimbrüdern insgesamt sehr geschadet. Für den Übergang soll Adli Mansur in Ägypten die Regierungsgeschäfte führen, bis ein neuer Staatschef gewählt ist. Erst vor wenigen Tagen war er zum Obersten Richter des Landes ernannt worden.