Kirchenneubau in Istanbul – Premiere für die Christen

In der modernen Türkei ist noch nie eine Kirche gebaut worden. Das soll sich nun ändern. Erstmals seit Gründung der Republik soll ein christliches Gotteshaus entstehen. Die Genehmigung dazu gab ausgerechnet die islamisch-konservative Regierung.

Der Istanbuler Stadtteil Yesilköy.
Der Istanbuler Stadtteil Yesilköy. (Bild: wikimedia/Konstantin von Wedelstaedt)

Für die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Istanbul begann das neue Jahr mit einer überraschenden Ankündigung: Die Christen im Istanbuler Stadtteil Yesilköy sollen eine neue Kirche bekommen. Die islamisch-konservative AKP-Regierung werde den Bau genehmigen, gab Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am vergangenen Freitag auf einem Treffen mit Religionsvertretern bekannt.

Eine Premiere nicht nur für die Gemeinde in Istanbul, sondern für die Christen in der gesamten Türkei. Seit der Republiksgründung im Jahr 1923 durfte die christliche Minderheit ihre Kirchen zwar meist renovieren – ein Neubau wurde jedoch noch nie genehmigt.

Nichts geht ohne Genehmigung der Regierung

Die Türkei ist zu mehr als 99 Prozent muslimisch. Etwa 100’000 Christen leben noch im Land. Sie können ihre Religion zwar grundsätzlich ausüben, leiden jedoch unter Einschränkungen etwa bei der Priesterausbildung oder eben beim Neubau von Kirchen. Der sei gesetzlich zwar nicht verboten, aber ohne Genehmigung der Regierung unmöglich, sagt Kenan Gürdal, stellvertretender Leiter der syrisch-orthodoxen Stiftung in Istanbul.

Viele bedeutende Kirchenbauten wurden zu Moscheen oder Museen umfunktioniert. Das bekannteste Beispiel ist die weltberühmte Hagia Sophia in Istanbul: im Mittelalter weltweit grösste Kirche, in osmanischer Zeit Moschee und seit Republikgründung Museum.

Etwa 20’000 syrisch-orthodoxe Christen leben nach Angaben von Gürdal in der Türkei, davon 65 Prozent in Istanbul. Ein Neubau in Yesilköy sei dringend nötig, sagt er. Die Gemeinde nutze zurzeit die Kirche der Katholiken.

Gegenüber den Minderheiten im eigenen Land schlägt die türkische Führung vermehrt versöhnliche Töne an. So sprach sich Davutoglu in seiner Rede vor den Religionsvertretern nicht nur gegen Islamophobie, sondern gegen die Diskriminierung aller Religionen aus. Verbesserungen für die Religionsgemeinschaft der Aleviten hat die Regierung zwar angekündigt, jedoch noch nicht umgesetzt.

Nach Meinung Gürdals hat sich die Situation für nichtmuslimische Minderheiten seit dem AKP-Machtantritt vor mehr als zehn Jahren verbessert. «Uns wird zugehört», sagt er. «Wir stehen regelmässig in Kontakt mit Regierungsvertretern. So etwas hat es mit früheren Regierungen nie gegeben.»

Die Idee für die Kirche in Yesilköy sei vor zwei Jahren von der AKP-Regierung an die Gemeinde herangetragen worden. Die Genehmigung sei dann überraschend gekommen. (sda/dpa)