Der orthodoxe Kiewer Patriarch Filaret betonte am Dienstag, 18. Februar, Gott kenne alle, die «verbrecherische Befehle» gegeben hätten. «Gott wird das Böse bestrafen; niemand wird der Strafe entgehen.» Das Kirchenoberhaupt forderte einen sofortigen Stopp der Gewalt. Er rief Staatspräsident Viktor Janukowitsch und die Oppositionsführer auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und ein «positives Ergebnis» zu erzielen. Janukowitsch trage die Hauptverantwortung für die Entwicklung.
Der griechisch-katholische Kiewer Grosserzbischof Swjatoslaw Schewtschuk ordnete am Dienstagabend an, wegen der «Gefahr des Brudermordes» alle Kirchenglocken zu läuten. «Im Namen Gottes verurteile ich Gewalt und die Missachtung von Menschenrechten und des Willens des Volkes», hiess es in einer schriftlichen Erklärung des Oberhaupts der mit Rom verbundenen ukrainischen Kirche. Die Machthaber trügen die volle Verantwortung für das, was im Land passiere.
Gotteshaus wird zur Krankenstation
Bei schweren Zusammenstössen zwischen Regierungsgegnern und Polizisten kamen seit Dienstagnachmittag in Kiew laut Regierungsangaben 25 Menschen ums Leben. Darunter seien neun Polizisten und ein Journalist. Spezialeinheiten hatten in der Nacht zum Mittwoch den Unabhängigkeitsplatz Maidan, den zentralen Ort des Protests gegen die Regierung, gestürmt und zum Grossteil geräumt.
Ärzte versorgten und operierten Schwerverletzte auch in der orthodoxen Michaelskirche. Aus dem in Brand geratenen Gewerkschaftshaus, dem Hauptquartier der Opposition, war die Krankenstation in das in der Nähe des Maidan gelegenen Gotteshaus verlegt worden. Auch in der griechisch-katholischen Kathedrale der Haupstadt wurde ein Lazarett eingerichtet.
Zeltkapelle zerstört
In der Nacht wurde auf dem Maidan auch eine vor mehr als zwei Monaten von griechisch-katholischen Priestern errichtete Zeltkapelle zerstört. Die Spezialtruppe «Berkut» der Polizei habe sie angezündet, teilte die Kirche am Mittwochmorgen unter Berufung auf Aktivisten mit. In der Zeltkapelle hatten auch orthodoxe und römisch-katholische Priester mehrmals täglich Gottesdienste gefeiert.