Als vor genau zehn Jahren «The Passion of the Christ» anlief, dachte niemand, dass die unzimperliche Verfilmung des Kreuzesgeschehens ein regelrechter Kassenschlager werden würde. Dass es zu einem solchen Überraschungserfolg kam, lag nicht zuletzt an den Empfehlungen freikirchlicher Prediger wie Billy Graham für das umstrittene Werk.
21. Februar 2014
Die Schöne und das Biest
Hollywood huldigt Heldinnen und Helden der Bibel
Wie nie zuvor entdeckt die US-Filmindustrie biblische Geschichten als Stoffe für das Kino. Bald werden
Moses und Noah, Jesus und Maria, vielleicht auch Kain und Abel oder Pontius Pilatus über die Leinwand flimmern.
Nun folgt das Prequel «Mary, Mother of Christ». Und diesmal ist einer der einflussreichsten US-Pastoren nicht nur als Werbe
träger beteiligt, sondern sogar
als ausführender Produzent: Der
millionenschwere Gemeindeleiter und Bestsellerautor Joel Osteen, der jede Woche das ehemalige Basketballstadion von Houston (Texas) füllt, betreut das Projekt. Die Hauptrolle der Maria verkörpert die erst 16jährige israe
lisch-amerikanische Schauspielerin Odeya Rush.
Evangelikale als Zielgruppe
Noch vor diesem Film, der pünktlich zu Weihnachten starten soll, ist bald ein etwas ruppigerer
Typ als alttestamentlicher Held im Kino zu bewundern: Russell
Crowe mimt Noah in einer Grossproduktion von fast biblischen Ausmassen. Der Erbauer der Arche sieht dabei so aus, wie Kapitäne in Hollywood eben aussehen: bärtig, bullig, grimmig.
Allerdings könnte es der Film trotz einem Budget von über 130 Millionen Dollar an der Kinokasse schwer haben. Zumindest haben erste Probevorführungen vor christlichen und jüdischen Zuschauern sehr gemischte Reaktionen hervorgerufen. Ein Grund mag darin liegen, dass Regisseur Darren Aronofsky («Black Swan») sich nur sehr lose an die Vorlage der Heiligen Schrift gehalten hat und seiner visuellen Phantasie wie in früheren Werken freien Lauf liess. So hat Aronofsky seinem Noah, den er den «ersten Umweltschützer» nennt, unter anderem eine Adoptivtoch
ter beigesellt, die in der Bibel
nicht auftritt. Darüber könnte das
Zielpublikum des Streifens wenig
erfreut sein. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Hollywood mit
seinen neuen Blockbustern ge
rade die Gruppe evangelikaler Christen erreichen möchte, der in den USA Dutzende Millionen Gläubige angehören.
Spannender als jeder Roman
Welchen Erfolg christliche Produktionen vor diesem Hintergrund haben können, zeigte jüngst die TV-Serie «The Bible», die 2013 als erfolgreichste Sendung im amerikanischen Kabelfernsehen lief. Bald wird eine Filmversion der Staffel unter dem Titel «Son of God» vertrieben.
Doch auch die Altmeister des Gegenwartskinos lassen sich immer mehr vom Buch der Bücher inspirieren, dessen existenzielle Tiefe und poetische Kraft jeden modernen Roman in den Schatten stellt. Ridley Scott («Blade Runner») verfilmt gerade die Geschichte von Moses unter dem Titel «Exodus» neu, was Ang Lee («Life of Pi») ebenfalls gerne tun möchte. Will Smith hat angeblich grünes Licht bekommen, eine Version des Dramas um Kain und Abel zu drehen, während Brad Pitt sich mit einem Projekt zu Pontius Pilatus beschäftigen soll.
Eine Fortsetzungsgeschichte
Ein solches Interesse an biblischen Stoffen gab es in Hollywood seit der Nachkriegszeit nicht mehr, als nach dem Grosserfolg von «Samson und Delilah» (1949) Klassiker wie «Die zehn Gebote» (1956) und «Ben Hur» (1959) entstanden. Manche Studios haben inzwischen eigene Abteilungen geschaffen, die sich mit Glaubensthemen beschäftigen, oder lassen Bibelgelehrte ihre Drehbücher prüfen. Pastoren werden zu Probevorführungen eingeladen oder dürfen Filmausschnitte in ihren Gottesdiensten zeigen.
Neben dem grossen Bekanntheitsgrad und dem breiten Zielpublikum haben biblische Epen auch noch einen ganz praktischen Vorteil: Sie sind absolut copyrightfrei und fortsetzungstauglich – von der Apokalypse einmal abgesehen.>
Hier gibt es den Trailer zum Film «Noah».
Dieser Bericht erschien am 21. Februar 2014 in der «Reformierten Presse».