Game-Tipp: Was am Ende letztlich zählt

«Everybody’s Gone To The Rapture» spürt den letzten Momenten von sechs entrückten Menschen nach. Eine meisterhaft inszenierte Raumdichtung über das, was zählt.

Es ist gespenstisch still im englischen Dörfchen Yaughton, Autos stehen mitten auf der Strasse, die Menschen sind verschwunden. Die Spieler schlüpfen in die Rolle eines geheimnisvollen Beobachters, der aus der Erste-Person-Perspektive durch die Ortschaft schlendert. Es werden Häuser, Pubs, Läden, Gemeindesäle etc. aufgesucht um herauszufinden, was geschehen ist. Seltsame Lichter führen zu den Orten, wo sich noch vor einigen Stunden Menschen begegnet sind. Fragmente ihrer Gespräche und Handlungen hallen wie ein Echo durch Raum und Zeit. Stück für Stück entsteht ein Gesamtbild eines mysteriösen Ereignisses, mit dem die Dorfbewohner kurz vor ihrem Verschwinden konfrontiert waren.

Die letzten Momente des Menschseins

Nacheinander werden die gegenseitig verwobenen Schicksale von sechs Bewohnern Yaughtons präsentiert. Man durchlebt Szenen aus ihrem Alltag, erfährt ihre Rollen im Dorfleben, ihre Leiden und Freuden, Werte und Sehnsüchte. Und man erfährt ihre Handlungen, Hoffnungen und ihren Glauben angesichts des Unbegreiflichen in den letzten Momenten ihres Menschseins. Dieses Ereignis wird im Spannungsfeld von Medizin, Extraterrestrik und Religion verortet. Trotz Hinweisen wie der Lichtsymbolik, der Reue und Versöhnung, oder der «Entrückung» (engl. rapture) bleibt die religiöse Natur des Geschehens daher rätselhaft und interpretationsbedürftig.

Grossartige Atmosphäre

«Everybody’s Gone To The Rapture» ist kein Spiel, sondern feinste Raumpoesie. Anstelle des Punktesammelns steht das freie Erkunden des Dorfes und die Rekonstruktion einer berührenden Erzählung. Zusammen mit einer atemberaubenden Optik, der Detailtreue der dörflichen Kulisse, der emotionalen Musik und den hervorragenden Synchronsprechern erschafft sie eine grossartige Atmosphäre. Der langsame Fortbewegung und das grossläufige Territorium fordern Geduld und Orientierung, mittels Kapitel und Lichtern führt die Simulation jedoch zu den relevanten Szenen. Die mehrschichtige Anachronie macht die Rekonstruktion der Ereignisse spannend, teils aber auch verwirrend. Fragmente können leicht übersehen werden, abschliessende Antworten gibt es keine. Wer sich dennoch einlässt, erfährt eine ergreifende Meditation über das, was letztlich zählt.


Angaben zum Spiel

Everybody‘s Gone To The Rapture (The Chinese Room / SCE Santa Monica Studio 2016)

Sprache: Deutsch u.a.

Plattformen: Windows 7, 64-Bit oder höher; PlayStation 4

Offizielle Webseite

PEGI-Alterskennzeichnung: Ab 16 Jahren.

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»


Dies ist der letzte Game-Tipp von Oliver Steffen für ref.ch. Seit über vier Jahren hat er für uns religiöse Computerspiele rezensiert. Wir bedanken uns herzlich für die Zusammenarbeit und greifen auch in Zukunft gerne auf die Fachkompetenz von Oliver Steffen zurück.