Game-Tipp: Religionshistorische Fiktion im Retro-Look

Frieden für die Welt, Tod für die Religion: Im post-apokalyptischen Abenteuerspiel «Shardlight» führen die Spieler ein aufklärerisches Programm durch.

Nach einem grossen Krieg liegt die Welt in Trümmern, Krankheit und Elend herrschen vor. Die Macht ruht in den Händen einiger Aristokraten, welche die Verteilung des Impfstoffes gegen die «Grüne Lunge» kontrollieren. Die Plünderin Amy Wellard hat diese Krankheit und arbeitet für das Ministerium, um den Impfstoff zu erhalten. Als sie dabei mit einer Widerstandsgruppe in Kontakt kommt, erhält sie Einblick nicht nur in das schmutzige Geheimnis des Ministeriums, sondern kommt auch dem mysteriösen Sensenmann-Kult auf die Schliche. Mit Amy klicken wir uns durch die heruntergekommene Stadt, führen Gespräche, sammeln Gegenstände, lösen Rätsel und schalten neue Orte und Erzählhäppchen frei.

Spieler sorgen für Aufklärung

«Shardlight» ist nicht nur postapokalyptischer Verschwörungsthriller, sondern auch religionshistorische Fiktion. Auf der Strasse verehren die «Kultisten» den Tod in Person und hoffen auf Erlösung und das Paradies danach. Die Wahrsager hingegen versorgen die Aristokratie mit dem Wissen der Geister. Dabei wird Religion als modernisierungsfeindlicher Aberglaube entlarvt: Wo Aktivismus und Entwicklung gefragt sind, wirkt sie apathisch. Wo eine gesellschaftliche Veränderung an der Zeit wäre, stabilisiert sie autoritäre und ungerechte Strukturen. Im Einklang mit verbreiteten Haltungen in der Gamer-Szene, argumentiert «Shardlight» indirekt für die Säkularisierungsthese, die einen Bedeutungsverlust von Religion in der modernen Gesellschaft annimmt. Wo die Menschheit in die Steinzeit zurückgebombt wird, muss sie sich erneut mit dem Fluch der Religion herumschlagen – doch dank den Spielern wird Aufklärung 2.0 möglich.

Solide Story, erzählende Details, glaubwürdige Charaktere

«Shardlight» ist ein klassisches Abenteuerspiel im pixeligen Retro-Look. Die Rätsel lassen sich durch Beobachtung und kombinatorisches Geschick meist schnell lösen. Man wird gut durchs Spiel geführt, irrelevante Örtlichkeiten verschwinden vom Bildschirm. Die nicht originelle, aber solide Story überzeugt durch die dicht besetzte Welt, in welcher Details wie Kinderreime, Poster oder der giftige gelb-grüne Farbton von der vergangenen Welt und der aktuellen Krise erzählen. Die interessanten und glaubwürdigen Charaktere werden durch fähige Synchronsprecher belebt. Für die drei Enden der grösstenteils linearen Geschichte muss am Schluss eine schwierige Entscheidung über Leben und Tod gefällt werden – Spannung bis zuletzt.


 

Angaben zum Spiel

Shardlight (Wadjet Eye Games 2016)

Sprache: Englisch

Plattformen: Windows ME oder höher

Offizielle Webseite mit Demoversion

Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»