Game-Tipp: Im Bann der Sekte

Im Wohlfühl-Abenteuerspiel «Fall of the New Age» wird mit europäischen Werten gegen eine mittelalterliche Sekte gerätselt. Das Spiel verpackt Knobelspass in eine seichte Story.

Im mittelalterlichen Europa hält sich die Diebin Marla mit Einbrüchen über Wasser. Als sie bei einem Einbruch Zeugin eines blutigen Opferrituals wird, werden sie und ihr kleiner Bruder Ray überwältigt und entführt. Marla erwacht als Gefangene in einer Zelle an einem unbekannten Ort. Wie kommt sie hier heraus? Wer sind die Entführer? Und wo ist ihr Bruder? Geleitet von einem Freund und mit der Hilfe des Spielers bricht sie aus, erfährt von den finsteren Plänen einer Sekte und nimmt es mit ihren Mitgliedern auf. Die Spieler durchlaufen in vorgegebener Reihenfolge mehr als 40 Orte in Verliesen, Burgen, Städten oder Wäldern. Hier werden in diversen Logik-, Geschicklichkeits- und Wimmelbild-Minispielen Gegenstände gefunden, Mechanismen in Gang gesetzt, Schlösser geknackt oder Feinde mit Steinschleuderwürfen ausgeschaltet, um weitere Orte und Szenen freizuschalten.

Gegenwartsbewältigung

Die lineare Story spielt auf die geistigen Strömungen der europäischen Frühen Neuzeit an. Die Neuentdeckung der kulturellen Leistungen des antiken Griechenlands beflügelte die Künste und die Wissenschaften. Platonische Philosophie, gnostische Lehren oder hermetische bzw. «okkulte» Forschungen und Praktiken wurden von christlichen Denkern teils abgelehnt, teils ins christliche Weltbild integriert oder als Inspiration für eine Forschung genommen, die auf Naturbeobachtung und nicht auf der Bibel beruhte. «Fall of the New Age» schliesst diese vielfältigen Prozesse in einem modernen Sinn kurz: Es zeichnet den Konflikt zwischen den Institutionen der Wissenschaft, dem Christentum und dem Staat, die für Werte wie Vernunft, Freiheit und Solidarität stehen, und der «Sekte», deren Mitglieder die Menschen durch Verbreitung von Aberglauben manipulieren, die Hüter der Wohlfahrt durch Terror beseitigen und durch okkulte Rituale und anderen Missbrauch des neuen Wissens die Herrschaft an sich reissen. Damit kann «Fall of the New Age» als Gegenwartsbewältigung funktionieren, die die Verlustängste angesichts der aktuellen europäischen Krisen durch den Ausflug in eine ruhmreiche Vergangenheit und durch die Beschwörung ausgewählter kulturell-religiöser Errungenschaften abfedert.

Köpfchen und Klickorgie

Zu diesem Effekt trägt das Genre bei: «Fall of the New Age» ist eines jener Wohlfühl-Adventurespiele, die sich meist durch anspruchslose Rätselkost, verpackt in simple Technologie und eine seichte Hintergrundgeschichte auszeichnen. Hier macht das Spiel alles richtig: Die statischen Szenen werden durch Marlas hilfreiche Kommentare und durch Zwischensequenzen belebt, die simple Steuerung funktioniert ordentlich, Grafik und Musik gehen in Ordnung, das Programm läuft fehlerfrei. Ausserdem kann die vorhersehbare Story durch das Freischalten und Lesen optionaler Texte über das Neue Zeitalter vertieft werden. Die Aufgaben sind abwechslungsreich, wenn auch nicht immer logisch. Die Lösung erfordert etwas Köpfchen, manchmal reicht auch eine Klickorgie. Frust gibt es nie, man wird geradezu erschlagen von Hilfsleistungen wie Hotspot-Anzeige, Strategietipps, das Überspringen von Rätsel, automatische Tagebucheinträge für die Rekapitulation von Ereignissen, Codes und Karten und generell der Unmöglichkeit, irgendetwas falsch zu machen. Nein, spielerisch erreicht man hier nichts Grosses. Aber immerhin bleibt das Gefühl, dass Europa nicht untergehen, sondern auf den Pfad der Tugend zurückfinden wird. Und wenn es Milliarden von Klicks kostet.

 

Angaben zum Spiel

Fall of the New Age: Im Bann der Sekte (Sammleredition) (Payrix/Shaman Games 2014)

Plattformen: Windows XP/Vista7

Sprache: Englisch, deutsche Untertitel

Preis: EUR 19.90

Webseite mit Demoversion

Keine offizielle Alterskennzeichnung: Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»