Irgendwo in einem Kellerraum erwacht der Protagonist, ohne Erklärungen, ohne Orientierung. Aus der Erste-Person-Perspektive untersuchen die Spieler die Situation und stellen bald fest, dass sie sich in einem abgeschlossenen Haus eines Mörders befinden, aus dem sie flüchten müssen – und dass dafür nur 30 Minuten Realzeit zur Verfügung stehen, ehe der Peiniger zurück kommt. Man schleicht durchs Haus, findet Gegenstände, schliesst Türen auf, liest Dokumente und erfährt allmählich die Identität und Absichten des Killers. Dieser entpuppt sich als Verehrer von Enki, einer sumerischen Schlangengottheit, die mit Satan gleichgesetzt wird und nach Blutopfer verlangt.
Christliche Moralkeule
«Enki» will unterhalten und keinen Dialog über Religionen anzetteln. Gleichwohl provoziert es, weil es so augenfällig christliche Symbolik in einem «okkulten» Horrorsetting zeigt: Man sieht Kreuzigungsszenen aus der europäischen Malerei inmitten von alchemischen Symbolen, Teufelsbeschwörungen und umgekehrten Kruzifixen. Unübertroffen ist die Stelle, bei der die Spieler einer Jesusfigur am Kreuz vier Nägel einschlagen müssen, damit eine Tür aufgeht. Allerdings funktioniert das Horror-Genre häufig auch als christliche Moralkeule. In «Enki» wird das Christentum zwar als Perversion der älteren religiösen Schlangenverehrung kommuniziert. Doch dies ist die Sicht eines Kultisten, der damit sein krankhaftes und gesetzeswidriges Werk legitimiert. Im Spiel werden antike vorderorientalische Religionen also als Religionen des Teufels gezeigt, was wiederum das Weltbild jener orthodoxen kirchlicher Kreise bestätigt, die während Jahrhunderten gegen nicht-christliche, «häretische» Glaubensformen und Praktiken vorgingen.
Wettlauf gegen die Zeit
In «Enki» gibt es eine zwar nicht innovative, aber unterhaltende Kurzgeschichte zu entdecken. Diese ist in eine perfekte grafische und klangliche Kulisse eingehüllt und mit eher einfachen Rätsel kombiniert. Richtig spannend wird das Spiel, indem die Rätsel im Wettlauf gegen die Zeit gelöst werden müssen. Da die Gegenstände bei jedem neuen Durchgang wieder woanders zu finden sind und je nach Spielerfolg unterschiedliche, aber unspektakuläre Enden winken, birgt das Game auch einigen Widerspielwert. «Enki» ist ein lässiges Spiel für Freunde des religiös angehauchten Mysteriösen.
Angaben zum Spiel
Enki (Storm in a Teacup/SOEDESCO 2015)
Sprache: Englisch, dt. Untertitel
Plattformen: Windows 7 oder höher
Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 16 Jahren
Über den Autor
Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»