Game-Tipp: Fantastische Story über das Menschsein

Wer bin ich? Das Indie-Abenteuerspiel «Cradle» spürt dieser Frage zwischen Buddhismus und Transhumanismus nach – in der Mongolei der Zukunft.

Die mongolische Steppe im Jahr 2076: Nach einem merkwürdigen Traum kommt Enebish in einer verlassenen Jurte zu Bewusstsein. Er kann sich an nichts erinnern: Wer ist er? Was tut er hier? Wer ist die Frau im mechanischen Körper, die sich Ida nennt? Und warum steht da draussen mitten im Niemandsland ein aufgegebener Vergnügungspark? Aus der Erste-Person-Perspektive erkunden wir mit Enebish die Umgebung, sprechen mit Ida, sammeln und verwenden Gegenstände und erfahren schrittweise die vergangenen Ereignisse. Viel Raum nimmt das Besorgen von Ersatzteilen für Ida ein, die im Vergnügungspark in einer Serie von Würfel-Minispielen verdient werden.

High-Tech trifft Götterbilder

Im Zentrum der mehrschichtigen Science Fiction-Erzählung von «Cradle» steht die oft spannungsreiche Beziehung von Traditionalismus und Moderne: Hier die Verortung des Menschen im Kosmos, da seine DNS-basierte Integration in die Gesellschaft; hier das Vertrauen auf die Vorsehung, da die Umgehung des Schicksals durch Bewusstseinstransfers. Doch die Begegnung von High-Tech und Götterbildern in der Jurte zeugen auch von der Kontinuität zwischen Buddhismus und Transhumanismus: Die Lehren der Reinkarnation, des «Nicht-Selbst» und des Erlöschens aller Daseinsfaktoren realisieren sich als Bewusstseinstransfers, als Austausch von Komponenten an mechanischen Körpern und als Selbst-Deaktivierung. Zeit- und formlos hingegen ist die Devise, Einsicht durch Selbsterkenntnis zu erlangen.

Tiefgründige Geschichte

«Cradle» ist ein sehr schönes Abenteuerspiel in einem unverbrauchten Setting. Dichte Atmosphäre erzeugt es durch seinen verträumten Pastell-Look, die vielen detailverliebten interaktiven Gegenstände und die meditativen Vokalkompositionen. Es leitet die Spielenden gut durch Hinweise aus der Umgebung und die optionale Anzeige der Aufgaben und Lösungshilfen. Die Würfel-Minispiele bringen Abwechslung in das Erkunden und Sammeln von Gegenständen, sind aber durch die häufige Wiederholung und ihre monotone Ausführung der Tiefpunkt des Spiels. Die treibende Kraft ist die tiefgründige und intelligente, leider aber auch im Eiltempo erzählte Geschichte, die mit einigen Fragezeichen zurücklässt. «Cradle» ist ein kurzes Spiel, nach zwei bis drei Stunden rollt der Abspann. Aber in dieser Zeit verzaubert das Game mit einer fantastischen und berührenden Story über das Menschsein.


 

Angaben zum Spiel

Cradle (Flying Cafe for Semianimals 2015)

Sprache: Englisch, dt. Untertitel

Plattformen: Windows XP SP3 oder höher; Linux: Ubuntu 12

Offizielle Webseite

Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»