Game-Tipp: Diese Vision von morgen ist nicht von gestern

Ort ohne Gott: Das hervorragend erzählte Cyberpunk-Abenteuerspiel «Technobabylon» thematisiert die quasireligiösen Versprechungen der virtuellen Realität (VR).

Im Jahr 2087 ist Gentechnik die Norm, die «virtual reality»-Technologie «Trance» macht soziale Kontakte überflüssig und die allmächtige Künstliche Intelligenz (KI) «Central» wacht über die Stadt Newton. Hier untersuchen die Agenten Charlie Regis und Max Lao den Fall eines mysteriösen Serien-Mindjackers, der Menschen das Wissen aus ihren neuronalen Leitungen stiehlt und sie dadurch umbringt.

Die «Trance»-süchtige Sozialbezügerin Latha Sesame ist das nächste Opfer. Doch als der netzkritische Charlie von seiner Vergangenheit eingeholt und erpresst wird, ist nicht nur Lathas Schicksal in der Schwebe, sondern das einer ganzen Stadt. Die Spieler folgen der Science-Fiction-Erzählung durch mehrere Kapitel mit jeweils unterschiedlichen Protagonisten und ermitteln, recherchieren und rätseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Cyberspace und Meatspace.

Viel Ironie…

«Technobabylon» tritt in die Fussstapfen von William Gibsons «Neuromancer» und anderer Cyberpunk-Werke des der 1980er und 90er Jahre. Wie jene thematisiert das Spiel mit viel Ironie die quasireligiösen Versprechen der VR-Technologie. Wo lebende Organismen zur Hardware für den virtuellen Raum «Trance» werden, scheint die Überwindung der «fleischlichen» Existenz zugunsten einer kollektiven und idealen Geist-zu-Geist-Existenz in greifbarer Nähe.

Doch wie «Babylon» im Titel suggeriert, ist die künstliche Transzendenz ein Ort ohne Gott. Fehleranfälligkeit, Manipulierbarkeit, unkontrollierbare KI und religiöser Fanatismus sind die Quittung für die technologische Apotheose. Dass in dieser Welt Werte wie Vergebung und Nächstenliebe die Katastrophe höchstens herauszögern können, ist bezeichnend für das Genre.

… und Technoblabla

«Technobabylon» ist eine hervorragend geschriebene und erzählte Cyberpunk-Story mit überzeugenden Protagonisten, abwechslungsreichen Orten und vielen überraschenden Wendungen. Die feinen Einspielungen von Newshäppchen, der aus dem dystopischen Dunkel aufblitzende Humor und insbesondere das wilde, mit einem Körnchen Salz zu nehmende Technoblabla sorgen für eine perfekte Atmosphäre.

Die Steuerung ist eingängig, die Rätsel fordern nicht sonderlich und bieten teilweise mehrere Lösungswege. Die grobpixelige Grafik ist Geschmackssache, sollte aber nicht zum Schluss verführen, dass diese Vision von morgen von gestern sei: «Technobabylon» ist mit topaktuellen Themen gespickte Science-Fiction.


 

Angaben zum Spiel
Technobabylon (Technocrat Games/Wadjet Eye Games 2015). Sprache: Englisch. Plattformen: Windows XP/Vista7/8. Preis: ca. 15 Euro. Offizielle Webseite mit Demoversion: http://www.wadjeteyegames.com/games/technobabylon/. Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 14 Jahren.

 

Über den Autor
Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion. Forschungswebseite: http://www.god-mode.ch/