Game-Kritik: Ein Vogel geht baden – oder so

Flattern unter Wasser: Als Spiel erscheint der christliche «Flappy Bird»-Klon lächerlich. Als religiöses Ritual hingegen funktioniert er, irgendwie.

Warum der Vogel durch den «grossen Fisch» aus dem Buch Jona ersetzt wurde, und nicht etwa durch die Tauben oder Adler aus der Bibel, bleibe schleierhaft, findet der Autor und Game-Kritiker Oliver Steffen von der Universität Bern. Bild: Screenshot 316-games.com

Man nehme ein erfolgreiches Game, ersetze die Inhalte durch biblische Inhalte und … habe fertig! Nach diesem Prinzip werden viele christliche Computerspiele gezimmert, wobei das Ergebnis häufig irgendwo zwischen unfreiwillig komisch und theologisch unsinnig liegt. «Jonah’s Flappy Fish» ist eines dieser Spiele. Es basiert auf der sehr erfolgreichen App «Flappy Bird» des vietnamesischen Entwicklers Dong Nguyen. Hier wird ein Vogel durch eine automatisch scrollende Welt in Super Mario-Ästhetik gelenkt, wobei jeweils zwischen ins Bild ragenden Röhren hindurch geflogen werden muss. Jeder Klick oder Tippen auf den Bildschirm verleiht dem automatisch nach unten fallenden Vogel einen Aufwärtsimpuls. Die Aufgabe des Spiels liegt darin, die Hindernisse durch das exakte Timing der Aufwärtsimpulse zu überwinden. Berührt der Vogel die Röhren oder den unteren Bildschirmrand, ist das Spiel vorbei. «Flappy Bird» ist weder besonders schön, noch besonders interessant, noch besonders geistreich. Die Aufgabe ist völlig banal, sie zu lösen aber ist zum Verzweifeln schwierig. Aus dieser Spannung erklärt sich das süchtig machende Prinzip à la «dieses Mal schaffe ich es noch eine Säule weiter» – was dem Spiel den unglaublichen Erfolg bescherte.

Weder Fisch noch Vogel

«Jonah’s Flappy Fish» übernimmt dieses Spielprinzip. Warum allerdings der Vogel durch den «grossen Fisch» aus dem Buch Jona ersetzt wurde, und nicht etwa durch die Tauben oder Adler aus der Bibel, bleibt schleierhaft. Jedenfalls sorgen die Entwickler damit für einen Lacher, denn wenn man eine Vogelflugsimulation in ein Fisch-Korsett zwingt, hat man am Ende weder Fisch noch Vogel. Sei’s drum. Mit Jona 1,17 kriegen die Spieler die Situation beim Einstieg kurz erläutert: Jona wird auf seiner Flucht vor Gott von einem grossen Fisch verschlungen. Drei Tage und drei Nächte bleibt er im Bauch des Fisches und betet zu Gott, bis er geläutert wieder an Land darf. Die Spieler lassen also den Fisch mit Jona im Bauch durch die Unterwasserwelt «flattern», immer darauf bedacht, keine der Säulen oder Felsen zu berühren. Und siehe: Für jede erfolgreich passierte Säule gibt es nicht nur Punkte, sondern auch einen Buchstaben von Jonas Gebet (Jona 2,2-9). Beim Spielen setzen die Gamer also ihr Geschick ein um Jona zu helfen, sein Gebet zu sprechen, seine Läuterung zu ermöglichen, letztlich seinen Auftrag zu erfüllen.

Game erinnert an alte Messen in Latein

Könnte das Spiel mehr sein als nur familienfreundliche und bibelbasierte Unterhaltung? Als biblische Erzählung will «Jonah’s Flappy Fish» nicht so recht funktionieren. Denn das Ungeschick eines Spielers führt blitzschnell zu einem nicht sehr schriftgemässen Ausgang der Geschichte – ein Klick zu früh oder zu spät und der Wal geht mitsamt Jona und göttlichem Auftrag «baden». Eher erscheint es als ein Ritual, bei dem die Teilnehmer wieder und wieder ihre Glaubensüberzeugungen bekunden. Allerdings ist es auch ein Ritual, bei dem es nicht um das Verständnis des Textes geht – die Gamer haben ohnehin keine Zeit, bei all dem Präzisionsflattern noch Jonas Gebet am unteren Bildschirmrand zu lesen. Nein, «Jonah’s Flappy Fish» erinnert eher an die alten Messen in Latein. Bei denen wusste man auch nicht so recht, wovon gesprochen wurde. Aber beim Heilsgeschehen war man trotzdem irgendwie dabei.

 

 

Angaben zum Spiel

Jonah’s Flappy Fish (316-Games, 2014)
Sprache: Englisch, wenig Text.
Plattform: Internet
Frei spielbar: Game-Webseite

 

Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 6 Jahren

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Projekt «Between God Mode and God Mood»