Filmtipp: Der Mann, der den Tieren die Kunst erklärte

Andres Veiel hat ein facettenreiches Portrait über Joseph Heinrich Beuys geschaffen, das seine sozialpolitischen Visionen genauso würdigt wie seine provokative Kreativität.

Er erklärt einem toten Hasen, was es mit den Bildern auf sich hat. Er pflanzt 7’000 Eichen je neben einen Stein. Drei Tage sitzt er mit einem Kojoten in einem Raum. Kunst diente dem deutschen Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner Joseph Heinrich Beuys (1921-1986) dazu, durch Provokation mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Zugleich warb er für seine ökologischen und politischen Anliegen. Durch eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Kunst wollte er Horizonte erweitern und festgefahrene Kunstbegriffe aufbrechen. «Die Idee, einem Tier etwas zu erklären, fördert den Sinn für das Geheimnis der Welt und der Existenz. Noch ein totes Tier bewahrt stärkere Kräfte der Intuition als manche menschlichen Wesen mit ihrem unerbittlichen Rationalismus.»

Mitreissende Collage

Dabei sei jeder Mensch potenziell ein Künstler, weil jeder Träger von Kreativität und Energie sei. «Vom Symbol des spirituellen Ganzen», dem Beuys sein Leben lang nachspürte, erzählt der Film kaum etwas. Aber die Vielfalt der gezeigten Werke offenbart den Stellenwert Beuys’ für das heutige Kunstverständnis. Regisseur Andres Veiel gelingt es, zum Teil noch unerschlossene Filmdokumente, Fotos und aktuelle Interviews zu einer spannenden Collage zusammenzufügen. Er erzählt nicht chronologisch, erfasst aber alle wesentlichen Lebensstationen des Künstlers. «Beuys» ist eine intime Betrachtung eines Menschen, seiner Kunst und seiner Ideenräume – mitreissend, berührend.

 

Ingrid Glatz-Anderegg ist Pfarrerin und Co-Präsidentin von Interfilm Schweiz, der internationalen kirchlichen Filmorganisation.

 

«Beuys», Deutschland 2017, Regie: Andres Veiel; Verleih Look Now
Kinostart: 01.06.2017