«Expeditions: Conquistador» – Erobern und bekehren?

Abenteuer in der neuen Welt: Im Genre-Mix aus Taktik, Strategie und Rollenspiel leiten die Spielenden eine Abenteurergruppe durch das koloniale Südamerika. Die Kulturbegegnung ist auch Religionsbegegnung.


Als Capitán führen die Spielenden eine Gruppe europäischer Abenteurer durch das Hispaniola und Südamerika des frühen 16. Jahrhunderts. Spielerische Freiheit ist dabei zentral. Sie beginnt bei der Auswahl der Gefährten: wo kriegslüsterne Recken sich für den Beutezug und die Missionierung eignen, rücken Gelehrte eher diplomatische Verständigung, Toleranz und das Lernen über den neuen Kontinent in den Vordergrund. Per Auftrag oder auf eigene Faust lässt sich die Gruppe in die indianische Kultur und Medizin einführen, findet legendäre Schätze, hilft bei der Niederschlagung von Revolten, erobert für spanische Gouverneure oder lokale Fürsten Dörfer und Städte und handelt mit Bauern und reisenden Händlern.

Entscheidungen und deren Folgen
Die Neue Welt kann frei bereist werden, die Reise kostet allerdings Fortbewegungspunkte. Sind diese aufgebraucht, wird gerastet. Dies ist die Zeit für Essen, medizinische Versorgung und moralische Unterstützung – denn die Abenteuer fordern ihren Tribut. Dazu weist der Spieler verschiedenen Mitgliedern Aufgaben wie Wachdienst, Jagen und die Herstellung von Medizin oder Fallen zu, bestimmt die Nahrungsrationen und versucht in persönlichen Gesprächen die Moral Einzelner aufzupäppeln. In der Begegnung mit Auftragsgeber und Eingeborenen wählt man aus unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten – jede Entscheidung hat Konsequenzen, die oft in Frieden oder Kampf münden. Kommt es zum Kampf, wechselt das Spiel auf die taktische Karte, wo den ausgewählten Kämpfern in jeder Runde eine begrenzte Zahl an Aktionen zur Verfügung steht. Gewonnene Kämpfe bringen Gold, Ausrüstung und Erfahrungspunkte, die in die Fähigkeiten der Gefährten investiert werden.

Mission oder interreligiöser Dialog?
Religion ist ein häufiges Thema von «Expeditions: Conquistador». Manche Mitglieder der Gruppe sind tief religiös und mischen sich entsprechend in die Angelegenheiten des Capitán ein: Er lässt Eingeborene ihre paganen Rituale abhalten anstatt die Ungläubigen niederzumetzeln? Die Gläubigen protestieren und büssen Moral ein. Im Auftrag eines Franziskanermönchs soll eine Ladung Bibeln nach San Tiago de Caballeros transportiert werden? Der Capitán erntet Beifall. Die Entscheidung, einen Schamanen in die eigene Reihe aufzunehmen und dessen Heilkünste zu nutzen erzürnt die Gläubigen, erfreut jedoch andere Gelehrte und Ärzte der Gruppe. Es ist den Spielenden überlassen, ob sie die religiösen Hitzköpfe in den eigenen Reihen zurückpfeifen und auf interreligiösen Dialog setzen, Missionierung betreiben oder ob sie Religion als Grund für Raub und Krieg vorschieben.

«Expeditions: Conquistador» ist ein Indie-Titel mit Oldie-Flair: bescheidene Grafik, limitierte Karten, viel geschriebener Text und wenig Wiederspielwert gehört mit dazu. Das Spiel überzeugt dennoch mit erzählerischer und spielerischer Tiefe. Die Story bietet glaubwürdige Charaktere mit individuellen Hintergründen, tolle Dialoge und historische Details. Das Nachtlagermanagement spricht den Sammlertrieb an und verbindet auf elegante Weise Geschichte und Rollenspiel. Die Missionen sind spannend und sorgen stets für Überraschungen, die taktischen Kämpfe fordern auf hohem Niveau. Gute Englisch-, Spanisch- oder Italienischkenntnisse vorausgesetzt, kann dieses Kleinod seine ganze Pracht entfalten.


Angaben zum Spiel
Expeditions: Conquistador (Logic Artists 2013). Sprache: Englisch/Spanisch/Italienisch. Plattform: Windows; Mac; Linux. Offizielle Webseite: http://conquistadorthegame.com/. Preis: € 19.90 (Download-Version). PEGI-Alterseinstufung: Ab 16 Jahren.


Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

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