Erdogans Religionsamt warnt vor dem Bösen im Internet

Die staatliche Religionsbehörde in der Türkei warnt Muslime vor Sünden in Internetforen und in sozialen Medien. Die Unterscheidung zwischen gut und böse, richtig und falsch sowie zwischen Gottgefälligem und Sünde gelte auch in der virtuellen Welt des Internets, schreibt die Behörde. Eine regierungskritische Journalistin und ein Theologe halten dagegen.

Die Tastatur als Pforte zum Bösen: So sieht die staatliche Religionsbehörde in der Türkei das Internet. (Bild: ref.ch)

Der Vertreter der Behörde, Bahattin Akbas, schreibt in der Online-Version des Behörden-Monatsmagazins am 18. November, dass das Internet bei vielen Ehescheidungen eine Rolle spiele. Eine der Gefahren des Internets liege in der Zurschaustellung von Pornografie und Sexualität, warnt Akbas. Zum Schutz von Minderjährigen könnten entsprechende Filter eingesetzt werden.

Die dem Ministerpräsidenten unterstellte Religionsbehörde ist in der Türkei für eine staatsverträgliche Interpretation des Islam zuständig und verwaltet alle 80’000 Moscheen im Land.

Skepsis bei Beobachtern

Die Warnungen der Religionsbehörde machen laut einem Bericht der Zeitung «Habertürk» einige Beobachter skeptisch. Das Blatt zitiert den Theologen Hayri Kirbasioglu aus Ankara mit den Worten, die Regierung versuche zurzeit, den Zugang zu sozialen Netzwerken zu beschneiden. Er frage sich, ob das Thema deshalb gerade jetzt auf die Tagesordnung komme.

Nach Korruptionsvorwürfen gegen die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan wurden 2013 YouTube und Twitter in der Türkei zeitweise gesperrt. Erdogan hat die sozialen Medien mehrmals scharf kritisiert. Eine Kolumnistin der regierungskritische Zeitung «Sözcü», Ayse Sucu, sagte gegenüber «Habertürk», sie verstehe die Religionsbehörde so, dass selbst die Veröffentlichung von Fotos von Frauen ohne Kopftuch im Internet als Sünde gebrandmarkt würde. (kipa)