Was passiert mit uns nach dem Tod? Heute geben nicht nur Religionen Antworten auf diese Frage, sondern auch die Geschichten in populären Massenmedien. So zum Beispiel die Blackwell-Reihe des Indie-Entwicklers Wadjet Games. Die Spiele handeln von drei Generationen von Frauen der Blackwell-Familie, die über mediale Fähigkeiten verfügen.
Hauptfigur ist die New Yorker Schriftstellerin Rosa Blackwell, die jäh aus ihrem Alltag gerissen wird, als ein Geist namens Joey Mallone in ihr Leben tritt. Joey ist ein Geistführer, der schon die Blackwell-Frauen vor ihr mit dem Reich der Geister vertraut gemacht hatte – und auch mit ihrem neuen Lebensinhalt, nämlich die verwirrten Geister von Verstorbenen ins Licht zu führen.
Vom Tod überzeugen
Jedes der fünf Blackwell-Teile sind kurze Abenteuerspiele, in denen Rosa und Joey einen Fall lösen. Da die Geister jeweils hartnäckig am Leben festhalten, gilt es, sie von ihrem Tod zu überzeugen. Dazu gehen die Spieler mit den Protagonisten den vorliegenden Hinweisen nach, stellen Recherchen an, sprechen mit einstigen Freunden und Hinterbliebenen. Die Beobachtungen werden als Notizen festgehalten und müssen teilweise miteinander kombiniert werden, um neue Erkenntnisse zu erlangen. In vielen Situationen muss zwischen Rosa und Joey gewechselt werden, wobei eine klare Aufgabenteilung herrscht: Wo Rosa Handlungen in der diesseitigen Welt durchführt, kann Joey durch Wände gehen, weggeschlossene Informationen in Erfahrung bringen und mit den Geistern sprechen.
Eintritt ins Licht
Die Blackwell-Spiele greifen diverse kulturelle Nachtodvorstellungen auf: die verbreitete Vorstellung der Existenz von Geistern, die sich nicht von ihrer irdischen Existenz lösen können und den Lebenden damit schaden; der aus Nahtod-Erfahrungen bekannte Eintritt ins Licht; der christlich inspirierte «spirituelle Krieg» um die Seelen der Menschen und das Opfer zugunsten der Erlösung der Seelen.
Hier haben die Spieler Anteil daran, menschliche Verfehlungen ans Licht zu bringen, Verstrickungen aufzulösen und damit Erlösung zu ermöglichen. Die Entwickler verzichten aber darauf, definitive Antworten wie zur Frage nach einer göttlichen Existenz zu geben – selbst die Geistführer wissen nicht, weshalb sie an so manche Gesetze gebunden sind, oder was im Licht mit den Seelen passiert.
Spiel mit Tiefgang
Die Blackwell-Spiele sind erzählstarke Abenteuerspiele mit Tiefgang. Die Erzählung ist eine Odyssee durch unterschiedliche Dimensionen und Zeiten, nimmt immer wieder überraschende Wendungen, greift in späteren Spielen auch ältere Begegnungen auf und entwickelt sie weiter. Durch den humorvollen, aber nie abschätzigen Umgang mit Nachtod-Klischees erhält das Spiel eine eigene feine Note. Stark sind die hervorragend gesprochenen Dialoge, in denen die individuellen Schicksale und Charaktere der Protagonisten und Verstorbenen glaubwürdig dargestellt werden – gute Lesekenntnisse in Englisch sind von Vorteil.
Technisch bleibt das Spiel simpel: Die Steuerung ist intuitiv, die Grafik im pixeligen Retro-Stil knüpft an die Spieleklassiker an, die Musik in bester Qualität bereichert die Szenerie. Wer möchte, schaltet die Kommentarfunktion ein und erfährt bei jeder Szene Details zur Spielentwicklung. Kurz: Blackwell ist eine rundum gelungene Abenteuerspielreihe zu einer der grossen Fragen im Leben.
Angaben zum Spiel
Blackwell Legacy, Blackwell Unbound, Blackwell Convergence, Blackwell Deception, Blackwell Epiphany (Wadjet Eye Games, 2007-2014). Sprache: Englisch. Plattformen: Windows (ME/XP/Vista/7/8); die ersten drei Spiele sind auch für iOS erhältlich (das Betriebssystem für iPhone und iPad). Offizielle Webseite mit Demo-Versionen: http://www.wadjeteyegames.com/
Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Projekt «Between God Mode and God Mood»