Im Jahr 1920 wird der junge Priester Arno Moriani vom Vatikan nach Vladoviste in Transsilvanien geschickt, um den Fall einer möglichen Seligsprechung zu untersuchen. Bei seiner Recherche entdeckt er, dass die als heilig verehrte Ärztin Martha Calugarul heidnische Rituale gegen Vampire angewendet hatte. Aus Rom erhält der Priester die Anweisung, die Vampirlegende als Aberglaube zu entlarven. Mit seinem Glauben und der Wissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts ausgerüstet, macht er sich auf die Suche nach dem Ursprung des Mythos. Die Spielenden steuern den Priester aus der Ego-Perspektive durch 3D-Gegenden in Transsilvanien, Ungarn und der Türkei, sprechen mit Ärzten, Beamten, Wissenschaftlern und Dorfbewohnern, sammeln und lesen Dokumente, entschlüsseln alte Manuskripte, untersuchen Blutproben und entdecken die dunklen Geheimnisse über Vlad III. Tepes, der im 15. Jahrhundert über die Walachei herrschte.
Eine Besonderheit von «Dracula 3» ist die Dichte an geschichtlichen, kunsthistorischen und literarischen Bezügen, die in die fiktive Vampirgeschichte eingewoben werden. Die Spielenden erhalten dabei einen Einblick in die historischen Ursprünge des Vampirmythos – unter anderem durch die Auseinandersetzung mit dem vollständig ins Spiel integrierten Roman «Dracula» von Bram Stocker, der von den Gebildeten im Spiel amüsanterweise als schwachsinnig und widersprüchlich abgetan wird. Doch all die Bildung, Wissenschaft und der kirchliche Kampf gegen den Aberglauben führen in «Dracula 3» in die Irre: Vampire sind Realität, Vlad Tepes ist ein Untoter, und Priester Arno muss Vlad auf dem einweihenden «Pfad des Drachen» folgen, um ihn zu bekämpfen. Dabei zeigt sich Arno Moriani erfrischend pragmatisch: Er weigert sich, den skeptischen Standpunkt der Kirche zu übernehmen und stellt selbst Nachforschungen an, deutet Ereignisse mit seiner als vollständiger Text ins Spiel eingebundenen lateinischen Bibel und schreckt auch nicht vor der Anwendung okkulter Rituale und Zigeuner-Zauber zurück, um das Böse zu bekämpfen und denjenigen, die sich davon grenzenlose Macht erhoffen, das Handwerk zu legen.
«Dracula 3» erzählt eine spannende – und durchaus auch humorvolle – Abenteuergeschichte vor dem Hintergrund historischer und religiöser Fakten und Mythen. Die Protagonisten sind glaubwürdig, die Gespräche intelligent und die Umgangsformen gesittet. Der Hang zum Intellektuellen steht in spannendem Kontrast zum Animalischen, welches meistens nur latent im Raum schwebt und dadurch eine gruselige Atmosphäre schafft ohne zu Schocken. Allerdings gibt sich das Spiel auch bei den Rätseln elitär, die oft nur mit einem Elefantengedächtnis oder der Lust, Dutzende Dokumente nach kleinsten Hinweisen durchzuforsten, zu lösen sind. Auch die akribische Kleinarbeit bei der Bestimmung von Blutgruppen, der Entwicklung von Fotos oder der Dechiffrierung verschlüsselter Nachrichten, sind zwar realitätsgetreu, aber nichts für Ungeduldige. Wer aber mehr Wert auf knackige Rätsel und eine stimmige Mystery-Geschichte mit hervorragender Musik legt als auf gediegene Grafik und Action, wird an «Dracula 3» seine Freude haben.
Angaben zum Spiel:
Dracula 3: Der Pfad des Drachen (Kheops Studio/Microïds 2008). Plattformen: Windows (XP/Vista/7), Mac (OS X), iPhone. Preis: ca. 7 Euro (PC-Ladenversion, normale Ausgabe). PEGI-Alterseinstufung: Ab 12 Jahren.
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Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.