«Democracy 3»: Ja zum Schulgebet und Ja zur Evolutionstheorie

Im Game «Democracy 3» muss der Spieler die Geschicke eines Landes lenken. Dabei gilt es auch die Wählergruppe der «Religiösen» bei Laune zu halten.


«Democracy 3» simuliert die politischen Prozesse eines modernen westlichen Staates. Der Spieler wählt eine Nation – verfügbar sind die USA, Kanada, Australien, Frankreich und Deutschland –, stellt die politischen Eigenschaften des Landes ein, und los geht’s: Die Hauptschaltzentrale ist eine Oberfläche mit sieben Bereichen – Transport, Aussenpolitik, Wohlfahrt, Wirtschaft, Steuern, Öffentliche Dienste sowie Recht und Ordnung. Jeder Bereich enthält mehrere Knöpfe, die die Politiken (weiss), Statistiken (blau) und Ereignisse (rot) darstellen.

Schachspiel Politik
Die Handlungen bestehen darin, Politiken einzuführen, zu beenden oder durch Geldzuflüsse zu regulieren – der Quartalsbericht enthüllt jeweils die Bereiche mit dem dringendsten Handlungsbedarf. Für jede Aktion werden potentielle Kosten und Einnahmen, sowie die Reaktionen unterschiedlicher Wählergruppen und die Wirkungen in anderen Bereichen angezeigt. Jede Aktion kostet politisches Kapital, umso mehr, je umstrittener die Politik ist. In fast jedem Quartal muss sich der Präsident auch mit einem dringenden zeitgemässen Ereignis beschäftigen: Sind z.B. die Boni von Bankern einzuschränken und Tierversuche, das Fracking oder religiöse Symbole an Schulen zu verbieten oder nicht?

Überall Kompromisse: Schulgebet ja, dafür aber Evolutionstheorie
Spannend sind die vielschichtig verwobenen Auswirkungen der Aktionen. Die «Religiösen» z.B. sind eine von 20 Wählergruppen, die bei Laune gehalten werden wollen. Für Abtreibung, Organspenden oder Sonntagseinkäufe haben sie nicht viel übrig, dafür favorisieren sie den Schutz der Ehe und des Lebens sowie den Religionsunterricht an den Schulen. Es gilt, Kompromisse zu schliessen: Um den Technologievorsprung zu sichern kann z.B. die Schöpfungsgeschichte zugunsten der Evolutionslehre von den Lehrplänen gestrichen werden. Um die Religiösen wieder milde zu stimmen, fährt der Spieler beispielsweise mit einer strikteren Kontrolle der Prostitution auf, was auch die «Konservativen» und die «Eltern» freut, sich allerdings negativ auf das BIP auswirkt und das organisierte Verbrechen steigert. Also vielleicht doch lieber Steuererleichterung für Ehepaare gewähren, aber woher nehmen beim gegenwärtigen Defizit? Die Einführung von Schulgebeten kostet kein Geld, dafür aber viel politisches Kapital und verstärkt ausserdem die rassischen Spannungen.

Zeitgemässe Thematiken in karger Ästhetik
Ästhetisch kommt «Democracy 3» mit seinen Tabellen und Statistiken zwar karg daher, läuft dafür auf älteren Systemen. Obwohl die vielen Informationen zuerst erschlagen, sind sie schnell durchschaut: Die Oberfläche ist übersichtlich, die Kausalzusammenhänge werden intuitiv dargestellt. Die unterschiedlichen Interessensgruppen sowie die Auswirkungen von Exekutivhandlungen werden glaubwürdig simuliert, die Thematiken sind zeitgemäss, der Staat kann in unterschiedliche Richtungen wie Wohlfahrtsstaat, Sozialismus oder Polizeistaat gelenkt werden. Leider gibt es keine demokratischen Aushandlungsprozesse wie Regierungs- und Parlamentsdebatten, die Kabinettsmitglieder bleiben blass, und auch vom Ausland merkt man praktisch nichts. Definitiv abgewählt gehören die Entwickler für die deutsche «Habe fertig»-Übersetzung. Vielleicht wird die Modding-Community, die das Spiel mit neuen Politiken und spielbaren Ländern versorgt, hier bald abhelfen. Unter dem Strich ist «Democracy 3» ein lässiger Politiksimulator mit Abstrichen, der Einblicke in die komplexen Prozesse der nationalen Politik gewährt.


Angaben zum Spiel
Democracy 3 (Positech Games 2013)
Plattformen: Windows; Mac; Linux
Offizielle Webseite: www.positech.co.uk/democracy3
Preis: Fr. 22.80 (PC-Downloadversion)
Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren.



Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Webseite des Projekts: www.god-mode.ch