Dr chleini Underschiid

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Kommt ein unkundiger Besucher in die Kirche Oltingen, so bleibt er etwas verwundert vor der Geburtsszene im Chor stehen und denkt: „Kann es sein, dass Jesus so ein wildes Kind war und schon Stunden nach seiner Geburt auf dem Bett der Maria herumturnte? Wurde Jesus wirklich gebadet und wo sind alle die Männer hingekommen, die Hirten, die Könige und gar der Joseph?“0

Beim Verlassen der Kirche schnappt sich der Besucher dann doch noch schnell den Kunstführer und stellt mit Erleichterung fest, dass es sich bei der Szene 4 um die Geburt Marias handelt. „Zum Glück war Jesus nicht wie seine Mutter ein so wildes Mädchen“, denkt er sich und meint, „man stelle sich vor, Jesus ein Mädchen, dass nicht ruhig sitzen kann. Wie sollten die Künstler denn die Madonna mit Kind malen, wenn es anstatt wie ein Junge ruhig zu sitzen, wie ein wildes Mädchen durch die Kirchenbänke tanzt?“

Nur manchmal, wenn er nach einer Stunde in einem Gottesdienst auf dem holzigen Bänklein nicht mehr ruhig sitzen kann, dann wünscht er sich, die Kirche hätte etwas von Marias wildem Temperament geerbt und es würde ab und zu etwas getanzt zwischen den Bänken. Und wenn sich die Kirche heute noch bewegt, dann vielleicht, weil die Mutter von Jesus ihrem Kind die Freude an der Bewegung und dem Leben mit in die Wiege gelegt hat.

Pfr. Christian Bühler

 

Der BMW 60/2

Was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

2.Korinther 4,18

Es wird wahrscheinlich Jahre dauern, wenn nicht Jahrzehnte, bis ich weiss, welcher Teil meines Lebens der Ewige ist. Sind es die Erträge? Die Erträge sind sichtbar. Der Lohn, die Anerkennung, der Erfolg, das Haus und der Garten, die Autobahnen mit den vielen Tunnels, die Hochhäuser, die Schiffscontainer, die fetten Kühe, die glänzenden Motorräder auf der Schafmatt. Alles wächst doch wunderbar  heran in unserem Leben und in unserem Land. Aber ich weiss, es ist nicht für die Ewigkeit. Das Korn wird geerntet, die Motorräder stehen irgendeinmal einsam in der Garage, wo ein Enkel staunend den öligen Staub vom Tank wischt. Was wächst, wird verzehrt, was geschaffen wurde vergeht, was glänzt ermattet.

Das Lederkombi von Onkel Hans

Was aber immerwieder unsichtbar in der Erde geschieht, wenn das Korn zum Leben erwacht, wird in Ewigkeit geschehen. Ich habe es nie gesehen, aber das Leben schenkte mir immer wieder eine Ahnung davon, wenn etwas Freude keimt in meinem Herzen. Noch weiss ich nicht, was da wirklich geschieht. Aber den Duft des Lederkombis von Onkel Hans, wenn wir in den Ferien mit dem Töff zum Fischen an den Weggitalersee fuhren, vergesse ich nie.

«faire rien» und sich selber erleben

Es ist schon eigenartig, dass viele Kindheitserinnerungen ausgerechnet aus den Ferienzeiten lebendig bleiben. Es sind Zeiten, in denen wir ganz uns selber gehören. Kein Wunder, werden dabei Seiten an uns sichtbar, die wir so an uns nicht kennen oder die wir vergessen haben. Im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz, um Haus und Hof genügen wir den Ansprüchen, die das Leben an uns stellt. In den Ferien dürfen wir ganz uns selbst genügen. Wir sind mit uns selbst unterwegs.

Plötzlich wieder der «Alte»

Was gibt es da nicht alles Spannendes zu erleben. Was da alles sichtbar wird? Der eine ist plötzlich wieder der «Alte», eine andere schliesst die Augen und der Duft des Meeres auf den Sanddünen lässt die Freiheitsgefühle der Jugend wieder aufkeimen. Ein vergessener Teil unserer Seele meldet sich wieder zu Wort. Wenn heute ein brummiger BMW 60/2 durchs Dorf tuckert, frischt der Wind im Pfarrbüro merklich auf und ich spüre wieder den Ledergriff an Onkel Hans Vordersitz, rieche das schäumende Wasser der Töss bei Rümlang und fühle wie der Körper vibriert, wenn die DC 8 über meinem Kopf am Ende der Startbahn davon rauscht.

BMW Bin Mal Weg

Die Schulnoten sind längst vergessen, Gott sei Dank! Aber der BMW R60/2 von Onkel Hans ist in meinem Herzen parkiert für immer. Ich schau ihn manchmal an in meinen kühnsten Träumen und dann ist es Zeit für den BMW oder ganz einfach Ferien nach dem Motto Bin Mal Weg – aber nicht für ewig! Pfr. Christian Bühler