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Auf der Suche nach den Trauben im Winter

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Johannes 15, 5

Kraft voll und mundig hängen die Trauben am Weinstock im Spätsommer. Es ist, als fallen sie von ganz alleine in die offenen Hände des Winzers. Die Rebschere hat den Stil kaum berührt, schon schwingt der Zweig zum Himmel und überlässt die reife Frucht erleichtert dem jungen Mann. Das Leben reift und geht von Hand zu Hand. Ein Kinderlachen da und dort das freundliche Wort eines Rentners. Es reift in allem das Leben zur Frucht.

Es ist nur oft verborgen. Wer in der Winterzeit durchs Lavaux den Reben entlang geht, wird keine Früchte sehen. Stumm stehen die Rebstöcke da und regen sich nicht. Zwischen den knorrigen Strunken ruhen die Steine sich aus vom heissen Sommer. Das Holz steht einsam da und bleibt in sich selbst gekehrt. Wäre da nicht diese fliessende Ordnung in den Reihen, welche den felsigen Hang mit einem sinnigen Schleier überzieht, wäre die einzelne Pflanze unseres tiefen Mitgefühls bedürftig.

Wortlos und stumm, vereinzelt steht sie da. Vereinzelt gehen auch die Menschen durch winterliche Zeiten. Heisst leben nicht einfach nur lernen, alleine zu bleiben? Der Stuhl von Max bleibt leer, weil er die Noten nicht mehr brachte. Ein Freund ist nicht mehr da. Die Kinder lernen früh Verluste zu ertragen. Und später zieht ein Vater aus. Ein Bett bleibt leer und die Garage auch. Das Auto nahm er mit. Die Söhne und Töchter ziehen hinaus in die Welt. Die Eltern lernen: „Es gibt kein Anrecht auf ihren Besuch.“ Die Uhr zählt stumm die Jahre. In der viel zu grossen Wohnung schlagen die Möbel Wurzeln, weil keine sie mehr zurechtrückt nach dem gemeinsamen Essen. Seit 14 Jahren lebt sie schon allein. Wer lebt lernt irgendwann allein zu sein.
Der Rebstock trotzt der Zeit und hält seine Wunde in den kalten Wind. Der Winzer hat im Herbst den Trieb gestutzt. Das Leben hat sich in die Tiefe zurückgezogen. Der Mensch lernt von den Pflanzen, zieht sich zurück, so lässt es sich besser einsam sein, wenn’s keiner sieht.

Doch einer stieg hinab, bis an den Grund des Lebens. Da ist etwas in der Erde verborgen, in den Wurzeln der Reben, den Herzen der Menschen.  Es gibt kein Leben ohne Dazugehörigkeit. Es gibt keine Vereinzelung, keine Einsamkeit die stärker ist als die Stimme Gottes, die in jedem Lebewesen mit ihrem „DU“ eine Erinnerung an einen gemeinsamen Urgrund allen Lebens weckt, die Schaffenskraft und Gottes liebe Lust am Leben mit uns allen.

„Ich bin in dir“, sagt Jesus, „du bist nicht alleine“. „Du bist die Frucht des Lebens. Ich werde Dich wieder hervorbringen zur Sommerzeit. Du wirst Deine Arbeit wieder tun können und nach deinen Worten und deiner Liebe, nach deinen Taten und Früchten werden sich die Mitmenschen sehnen. Du bist die reife Frucht des Lebens, die eines Tages in die gütige Hand des Winzers fallen wird, wenn du deinen letzten Schritt alleine gehst, den Schnitt in deiner Seele spürst, wenn die Winzerin dich löst aus dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.“

Winter im Lavaux

Über braunes
Gebrochenes Gras
Vorbei am leeren Kelter
Der noch nach Leben duftet
Wandert die Seele
Den stummen Reben entlang

Das Winterlicht hütet
Die Knospe am Rebstock
Wo das Leben sich ausruht
Und über die Liebe wacht

Gottes
Grüner Trieb
Am Urgrund
Der Seele

Christian Bühler