Krieg in der Ukraine

Schweizer Online-Börse soll Infrastruktur-Spenden in die Ukraine vereinfachen

Busse, Generatoren oder Transformatoren werden in der Schweiz oft ersetzt, obwohl sie noch funktionieren. Eine neue Plattform will solche Infrastruktur unkomplizierter an ukrainische Städte vermitteln.
Elf ausgemusterte Berner Trams machten sich 2024 auf den Weg in die ukrainische Stadt Lviv. Künftig sollen solche Spendenaktionen strukturierter und somit häufiger abgewickelt werden können. (Bild: Peter Klaunzer/ Keystone)

In der ukrainischen Region Poltawa fährt ein Kleinbus Kinder mit körperlichen Einschränkungen zur Schule. Zu verdanken ist das einem Schweizer Garagisten. Er sammelte Geld, liess Reparaturen durchführen, organisierte den Transport, fand eine Stadt, in der das Fahrzeug dringend benötigt wurde.

«Eine schöne Geschichte, aber in der Umsetzung total ineffizient», sagt Margarita Antoni vom Ukrainischen Verein Schweiz. «Es waren so viele Leute involviert, um allerlei Fragen zu klären.» Am Ende hätte man für das Geld sowie den personellen Aufwand einen fast neuen Bus in Polen kaufen und über die Grenze fahren können.

Auch bei anderen Infrastruktur-Spenden – Trams, Solarpanels, Generatoren – war laut Antoni jeweils viel Personal und Zeit für die Koordination notwendig. «Das macht man vielleicht ein, zwei Mal, aber nicht über die nächsten zehn Jahre.» Dafür brauche es professionelle und standardisierte Abläufe.

Überbrückung bis zum Wiederaufbau

Vor rund zwei Jahren entstand deshalb die Idee einer «Matching»-Plattform für Infrastruktur. Kürzlich ging sie online. Betrieben wird sie vom eigens dafür gegründeten Verein Support and Recovery Platform, ein Spin-off des Ukrainischen Vereins Schweiz. Zwei Angestellte kümmern sich darum und bringen so Angebot und Nachfrage besser zusammen.

Schweizer Energieversorger, Verkehrsbetriebe, Gemeinden oder Unternehmen können ihre Infrastruktur anmelden, die bald ausgemustert wird. Ukrainische Städte und öffentliche Einrichtungen sehen so, welche Möglichkeiten es gibt. Die Vermittlung läuft über die Plattform, die Angestellten begleiten die Beteiligten durch den Prozess. «Das Ziel lautet, es den potenziellen Spendern so einfach wie möglich zu machen.»

Die Notwendigkeit ist gross. Der russische Angriffskrieg hat unzählige Wasserwerke, Stromnetze, Verkehrsbetriebe und öffentliche Einrichtungen beschädigt oder zerstört. Gleichzeitig werden in der Schweiz jedes Jahr Busse, Generatoren, Transformatoren oder andere technische Anlagen ersetzt, obwohl sie noch funktionsfähig sind.

«Bevor die Infrastruktur in der Ukraine nach dem Krieg vollständig wiederaufgebaut werden kann, braucht es mittelfristige Überbrückungslösungen», sagt Antoni. Allein die Sanierung eines Wasserwerks dauere im schnellsten Fall 15 Jahre. «Während dieser Zeit muss die Versorgung trotzdem funktionieren.»

Empfänger werden überprüft

Zentral für die Plattform sei ein «Due Diligence»-Prozess, also die Risiko-Überprüfung der öffentlichen Empfänger und gespendeten Infrastruktur, sagt Antoni. «In diesem Prozess muss etwa bestätigt werden, dass die Mittel nicht an der Front landen.»

Die Initianten setzen auf eine langfristige Planung. Wird beispielsweise bekannt, dass ein Verkehrsbetrieb in zwei Jahren seine Busflotte erneuert, kann frühzeitig eine passende ukrainische Partnerstadt gefunden werden.

Dadurch lassen sich Transporte bündeln und günstiger organisieren. Wie sich diese gestalten, sei individuell, sagt Antoni. «Da können wir beispielsweise Synergien mit Transportunternehmen nutzen.» Bei einem Pilotversuch habe eine ukrainische NGO den Transport von vier Axpo-Generatoren für Krankenhäuser in frontnahen Regionen selber bezahlt. «Bei genügend Vorlaufzeit können die Kommunen und Städte auch selbst ein Budget für den Transport einstellen.»

Politische und finanzielle Unterstützung

In der Schweiz ist die Unterstützung für das Projekt breit. Nach Angaben von Antoni beteiligen sich fast alle Kantone an der Finanzierung der Plattform, zahlreiche Städte haben ebenfalls Unterstützung zugesagt. Für die ersten Betriebsjahre erhält das Projekt zudem Unterstützung durch den Bund. Politisch seien alle Behörden mit an Bord. «Das erlaubt es den staatlichen Betrieben, ihre Maschinen ohne politische Hürden auf die Plattform hochzuladen.»

Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sieht in der Plattform einen wichtigen Baustein, sagt Sprecher Lorenz Jakob auf Anfrage von ref.ch. «In der Schweiz werden regelmässig Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge entsorgt, die in der Ukraine dringend benötigt werden.» Die Plattform beschleunige und vereinfache die Koordination von Unterstützungsleistungen – insbesondere bei Gütern wie Generatoren, Bussen oder Transformatoren – und begleite die Beteiligten von der Vermittlung bis zum Transport.

Die Plattform fügt sich in das langfristige Engagement der Schweiz für die Ukraine ein. Der Bundesrat plant, zwischen 2025 und 2036 insgesamt fünf Milliarden Franken für Unterstützung und Wiederaufbau bereitzustellen. Das Parlament hat 1,5 Milliarden bis 2028 bereits bewilligt. Ein wichtiger Teil davon fliesst in Infrastrukturprojekte. Zudem sollen Schweizer Unternehmen stärker in den Wiederaufbau eingebunden und dabei finanziell unterstützt werden.

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