Vorkämpferin für LGBTQ-Rechte
Zwei Frauen im Pfarrhaus? Da winkten die Kirchgemeinden ab
Nur noch wenige Tage, dann lässt Brigitte Hauser den Beruf hinter sich, den sie sehr gemocht hat. Über 24 Jahre lang war sie Spitalseelsorgerin in Zürich. «Da passte ich gut hin», sagt sie rückblickend, «nahe an den Menschen, am Leben und an den existenziellen Fragen zu sein.» Allein im Stadtspital, Standort Waid mit Aussicht über die Zürcher Innenstadt und den Zürichsee, arbeitete sie 17 Jahre lang. Deshalb war für sie klar, dass sie an ihrem letzten Arbeitstag nicht einfach die Bürotür schliessen und das Gebäude verlassen würde.
Schon seit langem hat sie deshalb ihr Abschiedsfest geplant, eine lustige Rede verfasst, den Apéro organisiert und einen der Handwerker des Spitals gefragt, ob er für die musikalische Unterhaltung sorge: «Er singt italienische Canzoni», sagt Hauser. Im Juli lässt sie mit einem ruhigen Herzen den Beruf zurück, in den einzusteigen ihr viel abverlangt hatte.
Aufgewachsen im Zürcher Arbeiterquartier Albisrieden, ist in der Familie Hauser kein Thema gewesen, dass die Tochter einmal studieren könnte. Brigitte Hauser machte eine Lehre zur Pflegefachfrau, arbeitete in diesem Beruf eine Zeit lang in einer Institution von Pfarrer Sieber und sah sich nach einer weiteren Ausbildung um.
Ihre Wahl fiel auf das Theologiestudium, über das sie sagt, es habe sich ihr eine Welt aufgetan, so vielseitig sei es gewesen. Und auch im Privaten tat sich etwas auf: Hauser verliebte sich in Gabi, die auch in der Ausbildung zur Pfarrerin war. Die beiden Frauen sind bis heute ein Paar.
Schwierige Stellensuche
Doch nach dem Studium fingen die Probleme an. Brigitte und Gabi suchten gemeinsam eine Pfarrstelle. Es galt die Wohnsitzpflicht und sie wollten zusammenleben. Sie bewarben sich auf Stellen in verschiedenen Kantonalkirchen.
«Zuerst waren die Kirchenpflegen interessiert an uns, weil wir beide schon in anderen Berufen gearbeitet hatten», erinnert sich Hauser. Ihre Partnerin war zuvor Lehrerin gewesen. Die beiden Pfarrerinnen wurden in einer Gemeinde im Baselbiet zur Wahl vorgeschlagen. Es gab andere Bewerber, aber die Frauen hatten Unterstützung in der Gemeinde.
Aber dann erschienen Leserbriefe und Berichte gegen die beiden Pfarrerinnen in der Lokalzeitung, die Stimmung wandte sich gegen sie. «So etwas hatte ich nicht erwartet», sagt Hauser, «die reformierte Kirche hatte ich mir als offen vorgestellt.» Die Ablehnung sei schmerzlich gewesen für sie und ihre Partnerin. Sie bezeichnet das Wahlverfahren rückblickend als Spiessrutenlauf, man habe von oben herab über sie geurteilt. «Aber es ist eine Volkskirche mit vielen verschiedenen Menschen und Ansichten», sagt sie. Die Kirchenpflege beugte sich dem öffentlichen Druck und die beiden Frauen bekamen trotz besten Aussichten die Stelle nicht.
«90er-Jahre waren eine Übergangsphase»
«Die 1990er-Jahre waren in der reformierten Kirche eine Übergangsphase. Homosexualität war zuvor weitgehend tabuisiert», sagt Jan Müller, Kommunikationsverantwortlicher bei der Aids-Hilfe Schweiz. Müller hat eine wissenschaftliche Arbeit über den Umgang mit Homosexualität und Aids in der reformierten Zürcher Landeskirche verfasst.
«Erst am Ende des Jahrzehnts hat die reformierte Kirche die sogenannte «Frage der Homosexualität» institutionell geklärt.» Es sei ein langwieriger Prozess gewesen, einzelne Kirchgemeinden hätten ihre Autonomie in Gefahr gesehen. Am Ende stand laut Müller ein Kompromiss, unter anderem mit der Möglichkeit von Segnungsfeiern für homosexuelle Paare.
Er sieht Brigitte Hauser und ihre Partnerin als Pionierinnen. «Offen homosexuelle Pfarrpersonen gab und gibt es nicht wie Sand am Meer. Das war damals etwas Besonderes», sagt Müller. Aus der Forschung wisse man: «Sichtbarkeit war ein zentraler Treiber für Veränderungen. Sie machte Diskussionen überhaupt erst möglich.»
Bekannte schalteten ein Stelleninserat
«Wir hätten damals Unterstützung gebraucht», meint Hauser. «Von unseren Kirchenleitungen gab es diese nicht, aber ehemalige Kommilitoninnen und Kommilitonen schalteten für uns ein Inserat zur Stellensuche.»
Auf dieses Inserat meldete sich eine Thuner Kirchgemeinde. Im Bewerbungsprozess habe man sich gut geschlagen, erinnert sich Hauser. Die Frauen bekamen die Stelle. «Es gab nie Probleme, unser Privatleben war irrelevant, wir machten unsere Arbeit», erinnert sie sich.
Doch die Erlebnisse von Ablehnung, Vorurteilen, Vertrauensbrüchen mussten sie erst einmal verarbeiten. «Es hat uns stärker und resilienter gemacht», sagt Hauser rückblickend. Stehe man wieder einmal im Gegenwind oder mache schwierige Zeiten durch, wisse man, dass man schon Schwierigeres überstanden habe.
«Wir haben für Sichtbarkeit gesorgt für andere queere Personen in der Kirche», sagt Hauser. Ausserdem hätten sie etwas bewiesen. «Wir sagten, wir würden es schaffen – und wir haben es geschafft.» Beruflich, sagt Hauser, hätten sie und ihre Partnerin schliesslich alles erreicht.
Engagement für die Ehe für alle
Später, als Brigitte Hauser schon Spitalseelsorgerin in Zürich war und ihre Partnerin wieder in einer Schule arbeitete, engagierte sich Hauser im Abstimmungskampf für die Ehe für alle. «Die Rechte müssen für alle gelten, jede Bürgerin und jeder Bürger soll die Ehe eingehen können», bekräftigt sie. Mit einem Anflug von Amusement beobachtete sie damals, wie schwer sich die Reformierte Kirche damit tat, Position zu beziehen.
«Sie musste sich gegenüber der Gesellschaft für eine gewisse Rückständigkeit rechtfertigen», sagt die Pfarrerin. Innerhalb der Kirche habe es laute Stimmen gegeben, die gegen die Ehe für alle Stimmung machten. Doch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) habe «nicht mehr anders gekonnt, als progressiver zu werden und sich für ein Ja auszusprechen».
Brigitte Hauser ist zufrieden, trotz Anfeindungen durchgehalten zu haben und ein Vorbild gewesen zu sein. Menschen meldeten sich, die sich wegen ihnen getraut hatten, sich zu outen. Auch bei ihrer Arbeit in der Spitalseelsorge habe sie aus den Erfahrungen schöpfen können: «Wir wurden diskriminiert und haben ein Sensorium dafür entwickelt, Formen der Diskriminierung zu erkennen.»
Nun lässt sie ihre Arbeit als Spitalpfarrerin, die sie als schön und anspruchsvoll bezeichnet, hinter sich und lässt sich früher pensionieren. «Ich schenke mir zwei Jahre», sagt sie. Darauf habe das Paar hingearbeitet. Sie freut sich darauf, mehr Zeit zum Tanzen zu haben, ihr Hebräisch aufzufrischen und mit ihrem betagten Hund noch ein paar Sommertrüffel im Wald zu finden.