Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion

Was kann die Theologie zur Migrationsdebatte beitragen? Und wie tröstlich ist die Johannesoffenbarung? Um diese und weitere Fragen geht es in den theologischen Fachbuch-Tipps von bref, dem Magazin der Reformierten.

Offenbarer Widerstand und Trostspender

Biblische Texte sind in der Regel alles andere als süffig zu lesen, der sperrige Stil schreckt manchen Interessierten ab. Umso erstaunlicher, dass gerade von der Offenbarung, dem Buch mit den wortwörtlichen sieben Siegeln, eine besondere Faszination ausgeht.

Mit «Die Johannesoffenbarung heute lesen» unternimmt der Theologe Michael Heymel den Versuch, diese Siegel auch für Menschen ohne Theologiestudium zu brechen. Der Autor beschreibt ein Werk, das sich vor allem als Trostbuch verstanden wissen will. So habe Johannes mit seinen Zeilen «verfolgte und unterdrückte Christen zum geistlichen Widerstand ermutigt» und Visionen skizziert, worauf die Christen trotz ihrer Not hoffen können.

Die Idee einer christlichen Untergrundliteratur unterlegt der Autor mit sechs Beispielen. Heymel bespricht aber nicht allein die damalige Situation der Gemeinden, sondern betrachtet die Offenbarung nach allen Regeln der Auslegungskunst. Die Wirkungsgeschichte gerät dabei ebenso in den Blick wie die literarische Analyse. Ob die sieben Siegel dabei wirklich für alle Leser gebrochen werden, bleibt fraglich. Dennoch ist es beeindruckend, welcher Rundumblick Heymel auf so wenigen Seiten gelungen ist.

Michael Heymel: Die Johannesoffenbarung heute lesen. TVZ, Zürich 2018; 138 Seiten; 18 Franken. Tobias Zehnder ist Redaktor bei bref.


In Heimaten pilgern

Eine «Theologie der Migration» ist mehr als «Gutmenschentum»: In drei Essays loten Amélé Adamavi-Aho Ekué, Frank Mathwig und Matthias Zeindler aus, was die Theologie überhaupt für die Migrationsdebatte leistet. Ihr Buch «Heimat(en)?» ist ein Plädoyer für mehr Substanz bei der Einwanderungsdiskussion.

Dass ein theologischer Beitrag zur Debatte um die Migration vom Begriff der «Heimat(en)» ausgeht, ist überraschend und macht neugierig. Eine Autorin und zwei Autoren wollen unter diesem Titel einen ausdrücklich theologischen Beitrag zur Migrationsdebatte leisten.

In der Öffentlichkeit werden gerne Ängste bewirtschaftet und Gefahren beschworen; die Kirchen wiederum betonen in diesem gesellschaftlichen Diskurs ihren diakonischen Auftrag und die Bedeutung der Menschenrechte. Das reicht nicht, finden die drei, die teils selber Migrationserfahrungen mitbringen. Eine Theologie der Migration bleibt beim «Gutmenschentum» nicht stehen, sondern will theologische Konzepte von Fremdheit und Beheimatung in die heutigen Debatten einbringen. So sieht die Autorenschaft in der Bibel eine «für die Beheimateten stachlige und herausfordernde Zumutung».

Zwischen Identitätsstiftung und -suche

Amélé Adamavi-Aho Ekué, Professorin für Sozialethik am Ökumenischen Institut Bossey, hat mit ihrem Einstiegstext Heimaten suchen den sperrigsten der Beiträge verfasst. Sie will darin Heimat als «nomadisches, reisendes Konzept» verstanden wissen. Wie die anderen beiden Autoren hält sie es für gefährlich und unangemessen, Heimat als etwas Gegebenes, als etwas Statisches zu verstehen. Denn damit werde die Spannung aufgehoben «zwischen Heimat als Ort der Verwurzelung und Identitätsstiftung einerseits und der Heimatlosigkeit als bleibendes Kennzeichen einer pilgernden, suchenden und kritisch fragenden Gottesgemeinschaft andererseits».

Nun lässt sich jedoch entgegnen, dass dort, wo in der Migrationsdiskussion überhaupt auf die Bibel verwiesen wird, gerne genau dieser Aspekt betont wird: dass Fremdsein und Pilgerschaft zu Gottes Volk gehöre. Deshalb setzt Matthias Zeindler, Titularprofessor für Systematische Theologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Bern, in seinem Beitrag damit ein, dass Gott in der Schöpfung Heimat schenkt als «einen für alle darin Wohnenden angemessenen, dem Leben dienlichen Ort …, darüber hinaus aber auch als einen Ort der Freude und der Schönheit», dass der Mensch diese Heimat mitgestalten darf, sie aber auch verspielt. Also gilt: «Es kann dem Willen Gottes entsprechen, einen Ort zu verlassen, um anderswo neue Heimat zu finden. Und es kann dem Willen Gottes entsprechen, die Heimatlichkeit des Orts, an dem man lebt, bewahren zu wollen und sich darum zu sorgen, wenn man diesen gefährdet sieht.»

«Versöhnung als Beheimatung in Christus»

Das so gewonnene biblisch-theologische Heimatverständnis vertieft Zeindler auch anhand der Sünden- und der Versöhnungslehre. Im «Erringen und Festhalten von Heimat auf Kosten anderer», im «Illusionären der sündigen Ersatzheimat» und im «Auflösen der Dialektik von Heimat und Heimatlosigkeit» erkennt Zeindler drei Aspekte zur «sündentheologischen Beleuchtung» der aktuellen Situation.

Dem stellt er gegenüber, wie «Versöhnung als Beheimatung in Christus» konkret wird: Jesus war bei Gott, sucht aber seinen Platz in der Gottferne am Kreuz. Der «Weg des Sohnes in die Fremde» radikalisiert die Fremdlingsgesetzgebung des Ersten Testaments noch einmal: Heimat ist die Gemeinschaft, in der die, die sich dankbar schon als Beheimatete erkennen, gemeinsam mit Heimatsuchenden Zeichen für das setzen, worauf sie im Kommen des Reiches warten. Frank Mathwig eröffnet seinen ethisch-theologischen Versuch Heimat entdecken mit einer von Hans Magnus Enzensberger beobachteten Alltagssituation: daran, wie Passagiere ein Zugsabteil belegen und neu Dazukommende misstrauisch als Eindringlinge empfinden.

Mathwig, der wie Zeindler Titularprofessor für Systematische Theologie und Ethik in Bern ist, erkennt in der Szene die verdichtete Form der ganzen «Dramaturgie migrationspolitischer Kontroversen». Er zeigt, wie in der aktuellen Debatte dem christlichen Glauben eigene ethische Verpflichtungen – beispielsweise einer «Grenzenlosigkeit mitmenschlicher Solidarität» – unterlaufen werden. Mathwig fordert, Heimat als «ethischen Konfliktraum zu entfalten, in dem nicht nur Einheimische und Fremde aufeinandertreffen, sondern die konkurrierenden Interessen von Heimatschutz und Heimatsuche ethisch ausgehandelt werden». Mathwigs Beitrag ist äusserst anregend. Mit dem, was Ekué und Zeindler bereits entfaltet haben, ergibt sich ein lohnendes Ganzes. Es ist den Autoren gelungen, verkrustete Argumentationslinien in den Diskussionen aufzubrechen, die die Öffentlichkeit heftig, wenn auch oft mit wenig Tiefgang, zu Migration führt.

 

Amélé Adamavi-Aho Ekué, Frank Mathwig, Matthias Zeindler (Hg.): Heimat(en)? Beiträge zu einer Theologie der Migration. TVZ, Zürich 2017; 206 Seiten; 30 Franken.

Der Rezensent Benedict Schubert ist reformierter Pfarrer in Basel und war Lehrbeauftragter für Aussereuropäisches Christentum an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.