Ausstellung

Die Fliesenleserin

Die Baselbieter Kirchgemeinde Reigoldswil-Titterten hat eine der bedeutendsten Sammlungen von Bibelfliesen erhalten. Pfarrerin Dorothee Löhr will die historischen Stücke zu neuem Leben erwecken – mit einer überraschenden Idee.
Beschäftigt sich schon seit Jahren mit Bibelfliesen: Pfarrerin Dorothee Löhr. (Bild: ZVG)

Einst wurden hier Seidenbänder hergestellt, heute ist Reigoldswil wegen seiner Luftseilbahn ein beliebtes Ausflugsziel. Seit Kurzem ist das 1600-Seelen-Dorf im Hinteren Frenkental um eine weitere Attraktion reicher: Hier ist eine der schweizweit bedeutendsten Sammlungen barocker Bibelfliesen zu sehen.

Über 450 Fliesen sowie 14 gusseiserne Ofenplatten mit biblischen Motiven hat die Kirchgemeinde kürzlich vom Verein «Merian global» als Schenkung erhalten.

Dass die Sammlung ausgerechnet nach Reigoldswil kam, hat mit Dorothee Löhr zu tun. Die Deutsche ist eine Kennerin historischer Bibelfliesen und seit rund eineinhalb Jahren Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde. Als der Verein nach einem Standort für die Sammlung suchte, fiel die Wahl aufgrund ihrer Expertise auf Reigoldswil.

Das Pfarrhaus wird zum Museum

Wer nun einen sterilen Ausstellungsraum irgendwo im Dorf erwartet, täuscht sich. Dorothee Löhr empfängt Besucherinnen und Besucher stattdessen in der geräumigen Küche des Pfarrhauses. Hier ist zwischen Geschirr, Teekocher und Brotschneidemaschine ein Teil der Sammlung ausgestellt. An der Wand über der Küchenzeile hängen die quadratischen Fliesen mit den biblischen Szenen in charakteristischem Delfter Blau. «Der Standort in der Küche vermittelt einen Eindruck davon, wie die Fliesen ursprünglich genutzt wurden», sagt Löhr.

In wohlhabenden Haushalten des 18. Jahrhunderts schmückten solche Fliesen Kamine und Küchenwände. Sie dienten als kunstvolle Dekoration sowie zur religiösen Erbauung. «Anhand der Fliesen konnte die Bibel den Kindern des Hauses auf anschauliche Weise nähergebracht werden», sagt Löhr. Insgesamt sind rund 600 verschiedene biblische Szenen überliefert, von der Schöpfung bis zur Offenbarung.

Die Fliesen entstanden in Fayence-Manufakturen in Holland und gelangten von dort über Norddeutschland bis in die Schweiz. Als Vorlage dienten häufig die «Icones Biblicae» des Basler Kupferstechers Matthäus Merian (1593-1650). Dessen Bibel-Illustrationen waren so populär, dass sie als Motiv auf allen möglichen Gegenständen wie Zinntellern, Stickereien und Tabakdosen auftauchten.

Von der Küche des Pfarrhauses geht es in ein weiteres Zimmer. Dort ist das Gros der Sammlung in einer grossen Kommode aufbewahrt, auch eine originale Merian-Bibel ist zu sehen. Dorothee Löhr hat bei der Betreuung der Sammlung einen gewissen kuratorischen Eifer entwickelt: Sie gestaltete Buttons mit Merian-Motiven, hat ein Memory-Spiel entworfen und bietet Kurse im Malen von Bibelfliesen an.  

Geschichten über Geschichten

Auch für Predigten und im Religionsunterricht greift Löhr auf die Fliesen zurück. «Natürlich sind diese Darstellungen etwas altmodisch. Aber das macht auch ihren Charme aus», sagt sie. Stoff dafür findet sie in der Kommode, wo die Fliesen in 150 Schubladen aufbewahrt sind, mehr als genug. Adam und Eva im Paradies, Mose vor dem brennenden Dornbusch, die Samariterin am Brunnen – die Themenvielfalt aus dem Alten und Neuen Testament ist riesig.

In einer Predigt aufgegriffen hat Löhr etwa die Geschichte der jüdischen Königin Esther, die ihr Volk vor der Vernichtung bewahrte. Szenen daraus finden sich auf Fliesen sowie auf einer der grossen Ofenplatten, die in der Kirche aufgestellt sind. Es ist die Geschichte eines Verrats, bei dem der Übeltäter schliesslich selbst zum Opfer wird. «Wer andern einen Galgen baut, hängt am Ende selbst daran», fasst Löhr die Geschichte zusammen.

Die kleinen quadratischen Kacheln liegen leicht in der Hand, an manchen ist eine Ecke herausgebrochen. Löhr weist auf den feinen Pinselstrich. «Die Fliesen zu bemalen, war eine diffizile Arbeit», sagt sie. Dazu legte man eine Bildvorlage auf die Fliese und versah die Umrisse der Figuren mit Löchlein. Darauf streute man Kohlepulver, um das Motiv auf die Fliese zu übertragen. Diese Linien wurden schliesslich mit Farbe nachgemalt.

Mehr als Kopieren

Dennoch war das Fliesenmalen mehr als eine reine Kopiertechnik. Aufgrund der kleinen Fläche musste das Ursprungsmotiv vereinfacht werden. Für die zahlreichen Details aus den Vorlagen Merians war oft kein Platz. So kam es, dass etwa auf der Darstellung der knieenden Esther die Menschenmenge im Hintergrund verschwunden ist. «Figuren oder ganze Szenen aus der Vorlage konnten verändert, umgestellt oder ganz weggelassen werden. Die künstlerische Freiheit war gross», sagt Löhr.

Man könnte noch lange vor der Kommode verweilen und in die biblischen Bilderwelten eintauchen. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen die Fliesen digitalisiert werden, um sie auch online zugänglich zu machen. Vorläufig haben sie im Pfarrhaus jedoch ihren Platz gefunden. Dort sind sie nicht bloss historische Zeugnisse, sondern erzählen ihre Geschichten weiter.

Anfragen für Führungen durch die Fliesensammlung können direkt an Pfarrerin Dorothee Löhr gerichtet werden. Die Ofenplatten können zu den Öffnungszeiten der Kirche besichtigt werden.

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